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Vorzugsaktien

Arten, Unterschiede, Chancen und Risiken

Beschäftigen Sie sich mit dem Thema Aktien, werden Ihnen vermutlich bereits die Begriffe Stamm- und Vorzugsaktien aufgefallen sein. In der Börsenpraxis ist die Differenzierung zwischen diesen beiden Arten von großer Bedeutung. Gerade Vorzugsaktien unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten von Stammaktien und unterscheiden sich insbesondere hinsichtlich ihrer Dividenden- und Stimmrechtsregelungen.

Unser Ratgeber erklärt die wichtigsten Merkmale, Unterschiede und Gründe für die Ausgabe dieser Aktiengattung. Außerdem zeigen wir Ihnen einige bekannte Beispiele und gehen auf die Chancen und Risiken dieser Wertpapiere ein.

1. Was sind Vorzugsaktien?

Unter einer Vorzugsaktie ist eine besondere Form einer Aktie zu verstehen, die Ihrem Inhaber gegenüber gewöhnlichen Stammaktionären gewisse Vorzugsrechte einräumt. Diese Vorrechte sind in der Unternehmenssatzung verankert und betreffen in erster Linie die Gewinnbeteiligung. Beispielsweise erhalten Vorzugsaktionäre ihre Dividende vorrangig, bevor Stammaktionäre eine Dividende erhalten.1,*

Für Aktien, die mit einem Vorzug bei der Verteilung des Gewinns ausgestattet sind, kann das Stimmrecht ausgeschlossen werden (Vorzugsaktien ohne Stimmrecht). Der Vorzug kann insbesondere in einem auf die Aktie vorweg entfallenden Gewinnanteil (Vorabdividende) oder einem erhöhten Gewinnanteil (Mehrdividende) bestehen. Wenn die Satzung nichts anderes bestimmt, ist eine Vorabdividende nachzuzahlen.5

Im Gegenzug für diese bevorzugte Behandlung verzichten Vorzugsaktionäre typischerweise auf ihr Stimmrecht auf der Hauptversammlung. Das Aktiengesetz (§§ 139 - 141 AktG) regelt diese Sonderform ausdrücklich: Stimmrechtslose Vorzugsaktien dürfen nur bis zur Hälfte des Grundkapitals ausgegeben werden.2 Unter bestimmten gesetzlichen Voraussetzungen kann das Stimmrecht bei einem Ausfall des Vorzugs wieder aufleben:

Ist der Vorzug nachzuzahlen und wird der Vorzugsbetrag in einem Jahr nicht oder nicht vollständig gezahlt und im nächsten Jahr nicht neben dem vollen Vorzug für dieses Jahr nachgezahlt, so haben die Aktionäre das Stimmrecht, bis die Rückstände gezahlt sind. Ist der Vorzug nicht nachzuzahlen und wird der Vorzugsbetrag in einem Jahr nicht oder nicht vollständig gezahlt, so haben die Vorzugsaktionäre das Stimmrecht, bis der Vorzug in einem Jahr vollständig gezahlt ist. Solange das Stimmrecht besteht, sind die Vorzugsaktien auch bei der Berechnung einer nach Gesetz oder Satzung erforderlichen Kapitalmehrheit zu berücksichtigen.6

Im englischen Sprachraum ist die Vorzugsaktie als „Preferred Stock“ oder „Preference Share“ bekannt. Vorzugsaktien bleiben Aktien und damit Eigenkapitalinstrumente. Einzelne Merkmale können an bestimmte Eigenschaften von Anleihen erinnern, etwa eine festgelegte Dividendenregelung.

2. Verschiedene Varianten im Überblick

Nicht alle Vorzugsaktien funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Stattdessen existieren diverse Ausprägungen, die sich im Hinblick auf ihre Dividendenstruktur und ihre Flexibilität unterscheiden.

Kumulative Vorzugsaktien sehen unter bestimmten Bedingungen die Nachzahlung ausgefallener Dividenden vor. Fällt eine Dividende aus, verfällt der Anspruch nicht, sondern kann unter den jeweiligen Bedingungen in späteren Jahren nachgeholt werden, bevor Stammaktionäre eine Ausschüttung erhalten.

Nicht-kumulative Vorzugsaktien verhalten sich anders. Hier besteht grundsätzlich kein Anspruch darauf, ausgefallene Dividenden in späteren Jahren nachzuholen.

Partizipierende Vorzugsaktien gewähren neben der Vorzugsdividende unter bestimmten Bedingungen eine zusätzliche Beteiligung am verbleibenden Gewinn.

Bei wandelbaren Vorzugsaktien wird dem Inhaber das Recht gewährt, seine Vorzugsaktien unter bestimmten Bedingungen in Stammaktien umzutauschen. Die Ausgestaltung der Umwandlung legt fest, unter welchen Voraussetzungen und zu welchen Bedingungen ein Umtausch in Stammaktien möglich ist.

Ein bekanntes Beispiel für wandelbare Vorzugsaktien ist das Investment von Warren Buffett in die Bank of America während der globalen Finanzkrise. Buffett investierte über wandelbare Vorzugsaktien, erhielt zunächst Dividenden und wandelte die Wertpapiere später in Stammaktien um. Aus dem Investment resultierte für Buffett nach Angaben von Manager Magazin ein Gewinn von rund 12 Milliarden US-Dollar.3

Kündbare Vorzugsaktien wiederum zeichnen sich dadurch aus, dass sich das Unternehmen das Recht vorbehält, die emittierten Vorzugsaktien zu einem späteren Zeitpunkt zu einem definierten Kurs zurückzukaufen. Für Anleger kann dies nachteilig sein, wenn das Unternehmen von diesem Recht zu einem für den Anleger ungünstigen Zeitpunkt Gebrauch macht.

3. Wichtige Unterschiede zwischen Vorzugsaktien und Stammaktien

Wo genau Vorzugs- und Stammaktien voneinander abweichen, stellt folgende Tabelle übersichtlich dar.

MerkmalVorzugsaktieStammaktie
StimmrechtGrundsätzlich kein Stimmrecht; unter bestimmten Voraussetzungen kann es wieder auflebenVolles Stimmrecht auf der Hauptversammlung
DividendeBevorzugte Gewinnbeteiligung, etwa durch Vorab- oder MehrdividendeKeine entsprechende Vorzugsposition bei der Gewinnverteilung
InsolvenzfallKann ein Vorrang bei der Verteilung des Gesellschaftsvermögens bestehen4,*Kein entsprechender Vorzug
ZinssensitivitätKann eine erhöhte Zinssensitivität aufweisen*Abhängig von Ausgestaltung und Marktumfeld
LiquiditätKann aufgrund eines geringeren Handelsvolumens niedriger seinKann aufgrund eines höheren Handelsvolumens höher sein

Aufmerksamkeit verdient vor allem die Zinsabhängigkeit von Vorzugsaktien. Bestimmte Vorzugsaktien können aufgrund ihrer Dividendenstruktur eine erhöhte Zinssensitivität aufweisen. Änderungen des allgemeinen Zinsniveaus können sich dadurch auf ihre Bewertung auswirken. Steigen die Zinsen etwa, so werden vergleichbare festverzinsliche Wertpapiere attraktiver, was den Kurs von Vorzugsaktien unter Druck setzen kann.

4. Warum Unternehmen Vorzugsaktien ausgeben

Hinter der Entscheidung, Vorzugsaktien zu emittieren, stehen meist klare Motive. Unternehmen können Vorzugsaktien aus unterschiedlichen Gründen ausgeben:

Kapitalaufnahme ohne zusätzliche Stimmrechte

Vorzugsaktien ermöglichen es Unternehmen, zusätzliches Eigenkapital aufzunehmen, ohne im gleichen Umfang neue Stimmrechte zu schaffen. Da stimmrechtslose Vorzugsaktien grundsätzlich kein Stimmrecht vermitteln, können bestehende Mehrheitsverhältnisse und damit die Kontrolle über das Unternehmen weitgehend erhalten bleiben. Das kann insbesondere für familiengeführte Unternehmen relevant sein, deren bestehende Stimmrechtsstruktur erhalten bleiben soll. Gleichzeitig erhalten Anleger für den fehlenden Einfluss häufig einen Dividendenvorzug gegenüber den Inhabern von Stammaktien.

Die Ausgabe von Vorzugsaktien unterliegt dabei wie die Ausgabe von Stammaktien den gesetzlichen Vorgaben zur Kapitalerhöhung und zur Mindestausgabehöhe.

Bedeutung für institutionelle Investoren

Pensionskassen, Versicherungen und andere institutionelle Investoren können Vorzugsaktien aufgrund ihrer besonderen Dividendenstruktur als Teil ihrer Anlagestrategie berücksichtigen. Für Unternehmen kann die Ausgabe solcher Aktien daher dazu beitragen, zusätzliche Anlegergruppen zu erreichen.

Flexibler Einsatz bei Kapitalrestrukturierungen

Während finanziell herausfordernder Zeiten oder bei komplexen Unternehmenstransaktionen, seien es Fusionen, Akquisitionen oder Sanierungen, können Vorzugsaktien als flexibles Gestaltungsmittel eingesetzt werden, um unterschiedliche Interessen von Unternehmen und Kapitalgebern zu berücksichtigen.

5. Bekannte Vorzugsaktien – eine kurze Übersicht

Vorzugsaktien sind in Deutschland kein Randphänomen. Mehrere prominente Konzerne haben sowohl Stamm- als auch Vorzugsaktien im Umlauf. Darunter sind beispielsweise:

UnternehmenVorzugsaktieStammaktieWKN Vorzug
Volkswagen AGJaJa766403
Henkel AG & Co. KGaAJaJa604843
Sixt SEJaJa723133
Fresenius SE & Co. KGaAJaJa578560
Schaeffler AGJaJaSHA015

Wichtig: Nicht immer sind Vorzugsaktien günstiger als Stammaktien. In einigen Fällen kann sie sogar teurer sein als die entsprechende Stammaktie. Das Kursverhältnis hängt unter anderem von Angebot, Nachfrage, Liquidität und der konkreten Ausgestaltung der beiden Aktiengattungen ab.

6. Chancen und Risiken bei Vorzugsaktien

Wie andere Anlageformen weisen auch Vorzugsaktien sowohl Chancen als auch Risiken auf. Die wichtigsten davon sind nachfolgend dargestellt.

6.1 Chancen

Dividendenvorzug: Vorzugsaktien können einen Vorrang bei der Gewinnverteilung oder eine erhöhte Dividende vorsehen.

Dividendenrendite: Die Dividendenrendite einer Vorzugsaktie kann höher ausfallen als die der entsprechenden Stammaktie. Sie wird insbesondere durch die Dividendenhöhe und den aktuellen Kurs bestimmt.

Kursschwankungen: Vorzugs- und Stammaktien desselben Unternehmens können sich unterschiedlich entwickeln. Liquidität und Marktumfeld können dazu führen, dass die Kursschwankungen der Vorzugsaktie geringer ausfallen als bei der entsprechenden Stammaktie.

Umwandlungsoption: Wandelbare Vorzugsaktien können eine Umwandlung in Stammaktien ermöglichen. Wenn sich das Unternehmen positiv entwickelt und der Kurs der Stammaktien entsprechend steigt, kann der Investor seine Vorzugsaktien – sofern die entsprechenden Bedingungen erfüllt sind – in Stammaktien umtauschen.

6.2 Risiken

Kein Mitspracherecht: Stimmrechtslose Vorzugsaktionäre haben gegenüber Inhabern von Stammaktien weniger Einfluss auf Entscheidungen der Hauptversammlung. Für Anleger, denen die unternehmerische Mitbestimmung wichtig ist, kann dies ein Nachteil sein.

Zinssensitivität: Bestimmte Vorzugsaktien können aufgrund ihrer Dividendenstruktur eine erhöhte Zinssensitivität aufweisen. Steigende Marktzinsen können den Kurs solcher Vorzugsaktien unter Druck setzen, da alternative verzinsliche Anlagen im Vergleich attraktiver werden können.

Geringere Liquidität: Bei einzelnen Vorzugsaktien kann das Handelsvolumen geringer sein als bei der entsprechenden Stammaktie. Eine geringere Liquidität kann insbesondere bei größeren Orders zu größeren Kursabweichungen zwischen gewünschtem und tatsächlich erzieltem Preis führen.

Risikoposition im Insolvenzfall: Soweit Vorzugsaktien gegenüber Stammaktien einen Vorrang bei der Verteilung des Gesellschaftsvermögens vorsehen, bleiben Vorzugsaktionäre gegenüber Gläubigern grundsätzlich nachrangig.

Risiko des Dividendenausfalls: Gerät ein Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage, kann auch die Vorzugsdividende ausbleiben. Bei nicht-kumulativen Vorzugsaktien geht dieser Anspruch dauerhaft verloren. Auch bei kumulativen Varianten kann ein Dividendenausfall für Anleger nachteilig sein, selbst wenn grundsätzlich ein Nachzahlungsanspruch bestehen bleibt.

7. Fazit

Vorzugsaktien unterscheiden sich von Stammaktien insbesondere hinsichtlich Dividendenregelungen, Stimmrechten und ihrer Kursentwicklung. Ob eine bestimmte Aktiengattung zu den persönlichen Anlagezielen passt, hängt unter anderem von den individuellen Anlagezielen sowie den Kenntnissen und Erfahrungen mit Wertpapieren ab.

FAQ - Häufig gestellte Fragen

Ja, Vorzugsaktien sind international verbreitet. In den USA etwa sind „Preferred Stocks“ weitaus häufiger anzutreffen als hierzulande und werden dort besonders von Banken und Versorgungsunternehmen eingesetzt. Amerikanische Preferred Stocks haben keinen festen Laufzeitrahmen, können aber vom Unternehmen zurückgekauft werden. Im Vereinigten Königreich existieren „Preference Shares“ mit ähnlicher Grundlogik, aber anderen steuerlichen Rahmenbedingungen.

Weil die Dividende einer Vorzugsaktie häufig festgelegt ist, lässt sich ihr Wert ähnlich wie bei einer Anleihe durch Diskontierung der zukünftigen Zahlungsströme schätzen. Steigt das allgemeine Zinsniveau, erhöht sich der Diskontierungssatz – der Barwert der zukünftigen Dividenden sinkt, und damit auch der Kurs der Vorzugsaktie. Umgekehrt können sinkende Zinsen den Kurs von Vorzugsaktien stützen. Die tatsächliche Kursentwicklung hängt jedoch von weiteren Faktoren wie der Bonität des Emittenten und der allgemeinen Marktentwicklung ab.

Das ist möglich und in den USA sogar gängige Praxis. Dort existieren spezialisierte ETFs, die ausschließlich in Preferred Stocks investieren. Derartige Produkte können eine breitere Streuung über mehrere Emittenten und Branchen ermöglichen. Allerdings sind die meisten dieser Fonds und ETFs ausschließlich auf US-amerikanische Preferred Stocks ausgerichtet und bringen damit unter Umständen Währungsrisiken und steuerliche Besonderheiten mit sich. Reine Vorzugsaktien-ETFs mit Fokus auf deutsche oder europäische Titel sind deutlich seltener, da die Anlageklasse hierzulande weniger systematisch genutzt wird.

1. Deutsche Börse (2026): Vorzugsaktien.

https://www.deutsche-boerse.com/dbg-de/ueber-uns/kontakt/boersenlexikon/boersenlexikon-article/Vorzugsaktien-243296

2. Bundesamt für Justiz: Aktiengesetz. §§ 139 - 141 AktG.

https://www.gesetze-im-internet.de/aktg/

3. Manager Magazin (2017): Buffett macht 12 Milliarden Gewinn per Federstrich.

4. financewiki (2006): Stimmrechtslose Vorzugsaktie.

https://www.df.uzh.ch/financewiki/index.php?title=Stimmrechtslose_Vorzugsaktie

5. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: Aktiengesetz § 139 Wesen.

https://www.gesetze-im-internet.de/aktg/__139.html

6. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: § 140 Rechte der Vorzugsaktionäre.

https://www.gesetze-im-internet.de/aktg/BJNR010890965.html

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Dieser Beitrag dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Kapitalanlagen unterliegen Wertschwankungen und allgemeinen Kapitalmarktrisiken. Der Wert einer Anlage kann steigen oder fallen; Verluste bis hin zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals sind möglich.