Börsentalk #37 - Wie bewegt die US-Wahl die Welt? - mit Robert Halver
In dieser spannenden Folge unseres Börsentalks tauchen wir tief in die Welt der US-Politik und ihre Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte ein. Unser Gast ist Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.
Frisch von seiner USA-Reise zurück, teilt Robert exklusive Einblicke in die politische Stimmung vor Ort. Er enthüllt überraschende Unterschiede zwischen der amerikanischen und europäischen Wahrnehmung der Präsidentschaftskandidaten und räumt mit gängigen Mythen auf.
Erfahre aus erster Hand:
- Warum Europa weder von Harris noch von Trump viel zu erwarten hat
- Welche Sektoren von den unterschiedlichen Präsidentschaften profitieren könnten
- Wie sich die Wahl auf Kryptowährungen und die Tech-Branche auswirken könnte
- Überraschende Einblicke in die Verschuldungspolitik beider Kandidaten
Robert Halver liefert nicht nur scharfsinnige Analysen, sondern auch unterhaltsame Anekdoten, die dir einen einzigartigen Blick hinter die Kulissen der US-Wahl 2024 gewähren. Eine Folge, die Anleger oder politisch Interessierte nicht verpassen sollten!
Wenn du möchtest, dass deine Frage in einer der nächsten Folgen beantwortet wird, schicke uns eine E-Mail an: podcast(at)justtrade.com
Michael: Ja, Folge 37 unseres Börsentalks. Wir sind nicht mehr ganz vier Wochen vor der US-Wahl und da haben wir uns gedacht, Julius, wir müssen mal einen Gast einladen, der sich da top auskennt. Ich glaube, wir müssen ihn auch wahrscheinlich gar nicht vorstellen, weil er eigentlich aus Funk und Fernsehen bekannt ist. Hallo Robert.
Julius: Also Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und ich würde sagen, du bist heute unser Experte. Hallo!
Robert: Hallo Michael, hallo Julius. Danke für die Einladung. Bin gerne bei euch. Schön für die schmeichelnden Worte. Ich gehe mal davon aus, dass sie ernst gemeint sind.
Julius: Ja, lassen wir's stehen. Hallo zusammen.
Die politische Stimmung in den USA
Michael: Ja, natürlich. Hör mal, du warst doch zuletzt in den USA. Was waren denn da so deine wichtigsten Eindrücke, wenn man mal die politische Stimmung sich anschaut?
Robert: Ja, ich muss dazu sagen, ich habe ja Freunde und Bekannte in New York und in Florida. In New York, da sind es wirklich waschechte Demokraten, die es wieder etwas mehr mit Biden haben. Und in Florida sind es Republikaner, die auch kein Problem damit haben, ihre „Make America Great Again“-Fahnen hängen zu haben. Und Trump-Bilder überlebensgroß.
Also das wird mit Inbrunst gelebt. Von daher kennt man, hat man diese zwei Sichtweisen: demokratisch, republikanisch. Das Land ist natürlich gespalten. Das sieht man auch in Diskussionen. Man hält sich ja eigentlich als Deutscher dann zurück. Man sagt aber: „Was will ich erzählen? Ich bin ein Analyst.“ Ich lasse ja gerne kommen, um ein bisschen Straßen-Research zu machen, damit man auch ein bisschen mitbekommt, was da so läuft.
Es ist gespalten. Augenblicklich weiß man nicht genau: Wer wird denn jetzt Präsident, wer wird jetzt US-Präsidentin? Wir wissen ja alle, es hängt von den sechs Swing States ab. Da ist aber nichts entschieden.
Ich weiß, die Buchmacher in Amerika sagen: „Das wird ein haushoher Sieg für Kamala Harris.“ Aber das hatten wir schon mal bei der Auseinandersetzung zwischen Frau Clinton und Trump. Da ist es auch in die andere Richtung losgegangen. Es ist nicht entschieden.
Aber man ist da auch in sehr vollmundigen Diskussionen dabei. Wie gesagt, die Demokraten haben etwas Oberwasser. Sie sagen auch: „Wir könnten durchaus den Sieger, die Siegerin stellen.“ Die Stimmung ist gespalten.
Julius: Also ich war ja kürzlich in Amerika. Das kriegt man schon mit. Und ich bin da voll bei dir, dass man sich da so ein bisschen eher zurückhält. Wie würdest du denn sagen, wie unterscheidet sich denn die Wahrnehmung in den USA von der in Europa? Würdest du da irgendwelche Unterschiede ausmachen?
Ist Amerika offener gegenüber Trump?
Robert: Ja, Amerika ist offener gegenüber Trump. Ich habe den Eindruck, hier in Europa ist Trump der böse Bube schlechthin. Also alles Negative kommt zusammen. Das sieht man in Amerika differenzierter. Da gibt es durchaus auch die Demokraten, da hängt sozusagen auf jeder Wurfscheibe als Konterfall die Gegenposition. Die gibt es natürlich auch.
Aber man ist dann schon in Amerika, wie ich finde, mehr an den Argumenten gegenüber, was denn die Kandidatin, der Kandidat bedeuten würde.
Und das muss ich mal direkt sagen: Ich finde es aber interessant, wenn die Europäer, speziell die Deutschen, denken: „Na ja, wenn Harris gewinnt, dann geht es uns ja deutlich besser.“ Ja, nein, Pustekuchen. Man muss sehr klar erkennen: Joe Biden war der letzte Transatlantiker. Frau Harris kommt aus Kalifornien. Das ist also eine Transpazifikerin, könnte man sagen.
Der Teich oder der ganz große Teich, der ist zwar groß, aber da ist ganz klar der Blick, wenn man denn so reden würde, Richtung China, dem großen Systemrivalen, gerichtet. Und Europa ist nicht mehr interessant strategisch.
Ich kann immer nur das wunderbare Zitat von Henry Kissinger wiederholen, der damals sagte: „Amerika hat keine Freunde, nur Geschäftsinteressen.“ Und Europa ist kein großes Interesse mehr.
Wir werden leider auch – das muss ich von beiden Lagern sehr klar erkennen – nicht mehr so richtig für vollgenommen. Das tut mir am Herzen weh, meiner deutschen Seele. Ich mag ja mein Land definitiv. Aber wir haben da jetzt wirklich nicht mehr die große Unterstützung. Amerika orientiert sich über den großen Teich Richtung pazifischen Raum.
Also von daher sollten wir uns nicht zu viel versprechen. Frau Harris ist gut, sie wird die letzten Zölle nicht erheben. Das kann der US-Präsident ja seit 1930 relativ autonom machen. Aber wir werden unsere Hausaufgaben machen müssen. Und wenn wir das nicht machen, heißt es, wie im bekannten Sprichwort: Vogel friss oder stirb.
Die wirtschaftspolitischen Unterschiede zwischen Harris und Trump
Julius: Welche wirtschaftspolitischen Unterschiede siehst du denn zwischen den beiden Kandidaten?
Robert: Ja, jetzt könnte ich hier natürlich Dramaturgie pur machen. Aber ich muss zuerst mal sagen: Steuergesetze müssen auch durch das Parlament durch, die beiden Häuser des Kongresses. Das ist nicht anders als bei uns auch.
Und wenn man mal so jetzt hochrechnet, wir könnten da die Nase vorn haben. Das ist nicht zu sagen. Und selbst wenn eine Partei im Senat oder im Repräsentantenhaus knapp die Nase vorne hat, es gibt in Amerika keinen Fraktionszwang.
Das heißt, Republikaner haben es auch schon mal fertiggebracht, für Demokraten zu stimmen, auch zur Zeit von Trump, und umgekehrt. Also Balance of Power als Gleichgewicht des Schreckens, hätte ich gesagt. Das Gleichgewicht ist vorhanden und kann so nicht durchregieren.
Man kann es nicht. Wenn Harris jetzt gewinnen sollte, die Steuern deutlich erhöhen, das geht genauso wenig wie Donald Trump, der die Steuern massiv senken will.
Außerdem muss man ja immer hinter die Fassade schauen. Bei Steuern, das weiß jeder Steuerberater, zählen ja nicht nur die Steuersätze. Es geht ja auch um die Steuerabschreibungen.
Wenn also Trump es hinbekommen würde, wenn er gewählt würde, von 21 auf 15 Prozent Unternehmenssteuer runterzugehen, aber gleichzeitig die Steuererleichterungen und Abschreibungsmöglichkeiten kappt, ist es ja kein Unterschied.
Genauso ist es bei Frau Harris: Wenn sie auf 28 Prozent hochgeht, aber die Abschreibung erhöht, ist das auch kein Unterschied. Damit hat man da sein Publikum vielleicht befriedigt. Aber die Amerikaner, die bis drei zählen können, die werden natürlich genau wissen: So großer Unterschied ist es nicht.
Und Julius, was du gefragt hast: Der einzige Unterschied – ich habe es angedeutet – das sind die Zölle. Das kann ein Präsident relativ autonom machen. Gut, er muss dann seine Handelsbehörde befragen und seinen Wirtschaftsminister. Aber wenn die die gleiche politische Farbe haben, ist das so. Das würdest du deinen Freund fragen: „Komm, wir trinken Bier.“ Der sagt auch nicht nein.
Also von daher ist das dann schwieriger werden. Aber selbst wenn Zölle – ich glaube gar nicht, dass Trump höhere Zölle unbedingt einführen wird. Vielleicht gegenüber China. Aber er wird die Europäer dann eher auf seine Seite zwingen wollen, nach dem Motto: „Pass auf, ich kann darauf verzichten, wenn er das und das und das macht.“
Ja, das ist ja auch nicht unbedingt besser. Deshalb meine ich eben: Wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Europa muss sich als Block aufstellen, damit man gegenüber Amerika mitstinken kann.
Welche Auswirkungen hat die US-Wahl auf die Finanzmärkte?
Julius: Ja, und vor diesem Hintergrund: Wie schauen denn dabei jetzt die Auswirkungen auf die Finanzmärkte aus? Also wie könnten zum Beispiel die US-Aktienmärkte reagieren auf einen Sieg von Harris oder aber von Trump? Und gibt's dann Sektoren, die von der jeweiligen Präsidentschaft irgendwie profitieren oder eben auch leiden würden? Gibt's da vielleicht Unterschiede?
Robert: Ja, also fangen wir mal mit Herrn Trump an. Natürlich, das ist jetzt der Republikaner, ist jetzt per se, klischeehaft, besser für die Börse. Ich glaube nicht, dass Frau Harris jemals die Wall Street betreten wird. Das macht sie nicht. Das passt einfach nicht zu ihrem Image, auch zu ihrem Wählerpublikum.
Das wird positiver sein. Herr Trump möchte ja die Finanzmärkte stärker deregulieren, was natürlich für die Banken wichtig wäre, für die Hedgefonds wichtig wäre, für die Investmentbranche. Das wäre dann positiv – immer unter der Rubrik: Er muss es auch durchkriegen.
Also er kann es nicht einfach so beschließen. Er muss es durchkriegen. Aber so vom Gefühl her ist das natürlich positiv.
Steuersenkungen, angesprochen, ist auch positiv. Das ist ganz klar. Der Verteidigungssektor würde profitieren. Die Baufirmen würden profitieren, weil natürlich, wenn man sich einfach mal anschaut, wie lange diese Mauer zu Mexiko werden müsste, da können sich Baufirmen jahrelang abarbeiten.
Das gehört dazu. Der Stahlsektor, die Energieträger – Herr Trump ist ja in dem Zusammenhang ein fossiler Dinosaurier.
Sieht man ja auch in Florida. Da muss man lange suchen, bis man ein Haus findet mit Photovoltaik auf den Dächern. Wenn man es gefunden hat, schaut mal bitte auf die Adresse: Ist mit Sicherheit ein Deutscher oder ein Native German irgendwie. Das machen die Amerikaner nach wie vor nicht, weil Öl und Gas recht günstig sind.
Bei Harris ist eben mehr das Gesundheitswesen, auch Generika. Da ist es eben die grüne Technologie, die stärker vonstattengeht. Sie ist auch durchaus dem Hightech-Sektor zugetan, mit der Ausnahme KI.
KI ist natürlich für Trump sehr wichtig, weil Trump immer gesagt hat: „Die Trump-Administration, KI ist eigentlich das, wo sich in Zukunft entscheiden wird, wer die Weltherrschaft hat.“
Und da wir wissen, dass die Chinesen auch KI-Arbeit von morgens bis abends machen, ist das sicherlich wichtig.
Noch ein Punkt zu Krypto: Herr Trump hat ja die Krypto-Welle für sich erkannt und damit auch die Jugend für sich zu gewinnen.
Julius: Da schmunzelt der Julius.
Robert: Die Jugend hat ja, alle haben alle mit Krypto was zu tun. Ich weiß nicht, Michael, ob ich es mal sagen darf: etwas älteren Vertreter.
Michael: Ja, ich mache da auch mit, aber jetzt vielleicht nicht so intensiv.
Robert: Und das wird dann auch noch mal sicherlich positiv werden.
Und das darf man auch sagen: Die Verschuldung wird in beiden Fällen weiter dramatisch steigen. Machen wir uns nichts vor. Auch Frau Harris weiß natürlich, dass sie die Steuererhöhungen nicht durchbekommt. Also wird man diese Sozialwohltaten mit Schulden machen.
Bei Trump – wir reden ja hier sehr offen, nicht persönlich, geht's an der Börse hier bei Trump – da hat er den Vorteil: Wenn Schulden gemacht werden, um die Infrastruktur Amerikas, die Reindustrialisierung, auf Vordermann zu bringen, nach dem Motto: Wir bieten, nachdem Ronald Reagan alles abgegeben hat, den Deutschen, den Koreanern, Japanern an: Holt alles zurück.
Dann haben wir quasi die gesamte Wirtschaft, von der Basiswirtschaft über Industrie bis hin zu Hightech, in einem Land. Das ist natürlich für die amerikanische Wirtschaft und auch für die amerikanischen Börsen ganz positiv. Das muss man sehr klar erkennen.
Was bedeutet die US-Wahl für Europa?
Michael: Mhm, ja, absolut. Jetzt hast du ja erwähnt, dass Europa von beiden Kandidaten nicht unbedingt viel für sich selbst erwarten kann. Kannst du da vielleicht noch mal näher drauf eingehen, welche Auswirkungen das jetzt konkret haben könnte?
Robert: Ja, also beide Kandidaten – das sagt Frau Harris weniger als Trump – sehen es natürlich gerne, wenn auch deutsche, europäische Unternehmen in Amerika investieren. Da kann man ja mal nachhelfen.
Nach dem Motto: Na ja, Zölle aus Sicht von Trump werden dann eingeführt, wenn ihr nicht in Amerika produziert. Da kann man vielleicht dann einen Kompromiss finden: Ein bisschen investiert dann die deutsche, europäische Industrie in Amerika und ist damit den Bannstrahl von Zöllen dann los.
Frau Harris – ich meine, Demokraten sind auch nicht unbedingt die Marktwirtschaftler par excellence, auch Protektionisten. Und sehr wichtig ist natürlich da: Frau Harris will dann wiedergewählt werden, weil sie ja noch mal wiedergewählt werden kann.
Das kennt Trump ja nicht. Baut natürlich dann, wenn sie die Wahl gewinnt, schon vor bis 2029, dass sie also eine Wirtschaft so stabilisiert, damit eben auch dann die Amerikaner sich in vier Jahren noch mal wiederwählen.
Und Europa muss man sehr klar erkennen: Wenn wir nicht aufpassen, werden wir durchgereicht nach unten. Dann werden wir wieder von Chinesen und nur Amerikanern ernst genommen, wenn wir es nicht langsam mal schaffen zu sagen: Womit wollen wir Geld verdienen?
Nachdem wir uns ja mit dem Verbrennungsmotor, sag das deutlicher, kastriert haben. Nicht, weil ich ein Umweltsünder bin. Aber ich finde mal faszinierend, dass wir etwas aufgeben, was uns groß gemacht hat.
Und dann sehen wir, dass andere Länder, die durchaus auf E-Mobilität setzen, zeitgleich aber bitteschön auch den Verbrennungsmotor weiterentwickeln mit E-Fuels. Da machen wir nichts. Wir finden die Ideologie schön. Wir haben uns alle lieb. Wir werden uns dann irgendwo auf dem Dorfplatz treffen, nehmen uns ins Händchen und singen „Kumbaya“ laut und tun was für die Umwelt, wohlwissend, dass die anderen dann umso mehr Umweltschweinereien machen.
Ich finde das faszinierend, dass man nicht an uns auch mal denkt, dass man an unseren Wohlstand denkt. Auch in Europa, wie gesagt, dieser Zusammenhalt von der EU, was schwierig ist, in einen Hut zu kriegen. Die einen finden die Russen toll, Putin toll, die anderen nicht und hin und her. Das ist natürlich etwas, was schwierig wird.
Und ich würde auch sagen: Ich hoffe natürlich nicht. Herr Draghi hat ja vor einigen Wochen so ein riesiges Konjunkturprogramm entworfen, um 600 Milliarden Euro, die damit gemeinsamer Schuldenaufnahme finanziert werden. Das machen wir bitte nicht.
Denn dann haben wir nicht den Finger drauf. Dann bürgen wir oder zahlen wir für die Schulden. Aber im Grunde genommen weiß man nicht, wo das angesiedelt werden muss.
Und das hört auch zu weit dazu. Es bringt ja nichts, irgendwo Geld loszutreten und zu investieren. Man muss ja überlegen: Wie sind die Grundbedingungen? Wie ist die Steuerlast? Wie ist die Netzinfrastruktur? Wie ist die Bürokratie? Die Planungssicherheit? Die Energiesicherheit?
Man kann auch versuchen, in der Sahara Tomatenpflanzen anzubauen. Zu lange Transportkosten, das ist okay. Aber sobald dann das Wasser nicht mehr kommt, ist es wie ein Primelchen, das Blümchen, das im Urlaub nicht gegossen worden ist. Und das mag nicht.
Ich weiß ja, Martin ist ein großer Anhänger davon, weil er versucht, möglichst viel nach Frankreich zu ziehen. Jeder ist seines Glückes Schmiedes. Jeder sollte auf sich mal sehr klar erkennen, was man machen muss.
Und ich würde mir auch wünschen, dass hier jedes Land punkte Wirtschaftspolitik mehr Freiräume hat und nicht in Brüssel bei Frau von der Leyen anklingeln muss, ob man das darf.
Dann wäre natürlich für mich, um das auch klar zu sagen, mit der Schuldenbremse: Da bin ich auch kein Freund von. Ich würde auch gerne die Schuldenbremse komplett lockern, wenn man sagt: Das Geld, das damit losgetreten wird, wird aber nicht jetzt ideologisch-planwirtschaftlich den Unternehmen oder den Branchen zur Verfügung gestellt, die mir wohlgesonnen sind, sondern die gesamte Wirtschaft muss was machen.
Mein Favorit ist ja immer, dass man für Investitionen in Deutschland Sonderabschreibungen macht. In einer Krise wie jetzt 10 Prozent im Jahr. Das wird einiges lostreten.
Ich sage aber auch: Wir dürfen durchaus auch den Staatshaushalt mal auf den Kopf drehen, auf links drehen und schauen, wo man Geld einsparen kann. Da ist einiges im Argen. Da kann man sehr viel Geld einsparen.
Aber Marktwirtschaft hat hier wieder Vorrang vor Planwirtschaft. Und das sage ich auch: Jede Form von Sozialismus, egal wie es aussieht, ist am Ende immer nur eins: Mist.
Was Europa jetzt tun müsste
Julius: Mhm, absolut. Ja, jetzt hast du ja auch schon gesagt: Europa, da ist jetzt einfach Handlungsbedarf da. Also man muss aufpassen, nicht überholt zu werden. In Europa. Du hast auch schon gesagt, Europa muss auch irgendwie als Block, als Ganzes agieren. Was siehst du denn sonst noch so? Was könnte Europa tun, um seine Position unter anderem gegenüber den USA einfach zu stärken?
Robert: Ja, es geht natürlich darum, diese Kräfte zu bündeln, was schwer genug ist. Ich rede jetzt von der Utopie, vielleicht im besten Fall von der Theorie, weil ich es auch im Augenblick leider nicht sehe.
Was kann jedes Land? Das soll es machen. Das ist in Deutschland die Industrie. Wie können wir uns wieder innovativer aufstellen? Denn wir können jetzt nicht mit den Billigprodukten aus China mithalten. Die arbeiten mehr für weniger.
Wie sollen wir das? Wir müssen innovativ sein, um einfach auf alles noch draufzusetzen. Die Chinesen sind aber auch alles andere als dumm. Das sind fleißige, kluge Menschen. Wir werden natürlich versuchen, noch stärker zu werden.
Also müssen wir die Innovationskraft dramatisch schärfen. Das aber europäisch hinzubekommen, das sehe ich nicht.
Jedes Land soll seine eigenen Anstrengungen machen, weil einfach viele Köche verderben den Brei.
Julius: Wenn du die Entscheidung triffst alleine, ist die stringenter, als wenn du hier Michael mit an Bord holen musst. Dann debattieren wir bis zum Abend hin, haben immer noch keine Entscheidung getroffen.
Robert: Und das ist eben wichtig, dass jedes Land seine eigene Wirtschaftspolitik macht. Und dann können ja andere sehen: „Oh, die haben es ja so gemacht, dann machen wir es doch genauso.“
Aber wenn das von Brüssel jetzt genehmigt werden muss – wir haben es eben auch diskutiert –, dann wird daraus nichts.
Jeder muss zuerst mal seine eigenen Aufgaben machen und um die anderen dann auch anzustacheln: „Ich mache es genauso.“ Ansonsten werden wir zum sozialistischen Wohlfahrtsverein und machen dann Bürgergeld für alle. Keiner strengt sich mehr an, kriegen massive Inflation.
Und wenn alle Stricke reißen, nehmen wir die EZB ins Boot, die alles wunderschön finanziert, wohlwissend: Damit geht das Schiff schneller unter, als wir schauen können.
Globale Klimaschutzbemühungen
Julius: Jetzt haben wir auch globale Klimaschutzbemühungen. Wir hatten das ja eben schon, dass Trump eher sozusagen als Dinosaurier für die fossile Energie steht. Die Frage ist: Ich meine, da läuft im Moment ja total viel in Amerika, ne? Dass der Förderung durch Biden da die ganzen Industrien gefördert werden. Meinst du denn, Trump wird das zurückdrehen? Oder siehst du da irgendwelche Auswirkungen auf die globalen Klimaschutzbemühungen?
Robert: Nein, also ich glaube nicht. Herr Trump redet ja viel, wie der Tag lang ist. Aber er macht ja zum Schluss die Politik. Er verkauft sie vielleicht in seiner unnachahmlichen, verhaltensoriginellen Art, um es mal so auszudrücken.
Aber die zweite Reihe, die Fachleute, die machen ja. Und die sagen: Warum sollten wir denn auf Umweltschutz verzichten? Natürlich fahren wir auch die fossilen Energien, das hat die Lobby. Amerika ist ja groß und spricht wie Spendenmaus mit vor.
Aber sie werden ja auf die Zukunft von Klimaschutz auch nicht verzichten wollen, weil das auch sehr stark mit KI dann auch früher oder später verbunden wird.
Das heißt, beides dort wird genauso gemacht werden. Amerika wird alles dafür tun, wie gesagt, mit neuen massiven Schulden auch wirtschaftlich die Führungsmacht zu sein, innovativ zu sein.
Das, was sie nicht haben, kaufen sie ein. Da holt man sich halt die Unternehmen aus Europa und Deutschland rüber, um das zu vervollständigen.
Und ja, dann ist das so. Stell es mal wie ein Deutscher: Hat ja auch die Amerikaner auf den Mars gebracht.
Also, was man nicht kann, kauft man ein. Und dann ist Amerika wirtschaftlich so stark und wir fahren zurück. Also das ist die Stoßrichtung.
Die Republikaner sehen das in New York. Die Demokraten ähnlich. Aber sie wollen einfach – wie gesagt – China als großen Systemrivalen. Den will man schlagen, dem will man möglichst Wasser abgraben.
Wie geht es mit den Zinsen weiter?
Julius: Jetzt noch mal vielleicht die Zinsen. Die Fed hat ja zuletzt – es war nicht ganz erwartet, glaube ich – 25 Basispunkte Zinssenkung waren erwartet, 50 sind es geworden. Und das Spannende ist ja, dass jetzt, ich sag mal, kurz nach der Wahl wieder eine Zinsentscheidung ansteht. Erwartest du je nach Wahlausgang irgendwelche Änderungen? Oder wie würdest du sagen, wirkt sich das aus bei der Fed?
Robert: Herr Powell ist ein weiser Mensch, ein weiser Mann, den ich sehr schätze. Und er wird auf die Politik keine Rücksicht nehmen.
Wenn er der Meinung ist: „Ich möchte weiter senken“, würde er das tun. Denn nach der Wahl ist ja keine Wahlbeeinflussung mehr in dem Sinn. Da hätte er sich jetzt bei 50 Basispunkten mehr Gedanken machen müssen.
Nein, er wird dann 25 Basispunkte machen. Die 50-Basispunkte-Schritte sind vom Tisch. Er wird das Soft Landing oder „No Landing“ – ja, die Wirtschaft läuft ja – ... Die Arbeitsmarktdaten offensichtlich robuster als gedacht. Könnte uns Scheibe abschneiden.
Da muss er so viel nicht machen, aber er wird es eben in Schritten machen und damit natürlich die Zinssenkungsfantasie verlängern.
Wenn jetzt 50 Basispunkte noch mal gemacht werden, wird die ja hinten abverkürzt. Ich kann nicht auf null, null gehen.
Ja, muss schon da, muss schon Preissprache ... die Klingonen die Erde besetzen und das Raumschiff Enterprise unter Führung von Captain Jean-Luc Picard dagegenhalten.
Aber im Grunde genommen hält das die Zinssenkungsfantasie aufrecht. Ist also quasi ein Goldlöckchen-Szenario: Die Wirtschaft wächst, die Zinsen fallen auch systematisch. Die Wirtschaft ist das sicherlich nicht schlecht.
Welche Anlagestrategien sind rund um die US-Wahl sinnvoll?
Julius: Dann schauen wir doch noch mal auf das Thema Anlagestrategien. Wie sollte man sich denn angesichts der bevorstehenden US-Wahl positionieren? Und was gibt's da vielleicht zu beachten? Hast du da irgendwas, was du unseren Zuhörern mit auf den Weg geben kannst?
Robert: Also, es ist ja – wir Menschen lieben Ereignisse. Fußball, Bundesliga, wie immer. Ja, aber man muss, glaube ich, das Alter abklopfen.
Ich würde so heute sagen: Egal, wer die Wahl gewinnt in Amerika, es gibt keine epochalen, dramatischen Umwälzungen. Das sehe ich nicht.
Das Zollthema, wenn es denn so heiß gekocht wird, aber ich glaube, das wird eher so das Druckmittel sein. Da wird so viel nicht passieren.
Ich würde als Anleger, als Anlegerin in Amerika immer mit dabei sein. Das ist der interessanteste, der attraktivste Aktienmarkt der Welt.
Im Bereich von Nasdaq, von Hightech – da sind sie vorne. Man sieht, dass sehr viele Chinesen, die nach Amerika gehen, sich die Führungsriege von den vielen Hightech-Firmen anschauen. Das sind ja fast ausschließlich, hätte ich fast gesagt, Chinesen.
Aber was hinzukommt, ist eben auch das Industrielle, vor allen Dingen die zweite Reihe. Wenn Amerika sich reindustrialisiert, gefördert wird, dann bringt das natürlich auch die zweite Reihe, die man im Russell 2000 findet, auch davon. Und deshalb ist es in den vergangenen Wochen ja gar nicht so schlecht gelaufen. Und da kann auch mehr kommen.
Aber wir schauen ja nach vorne. Also sollten die Anleger das Hightech-Thema überhaupt nicht vergessen. Das bleibt aktuell, mit Substanz. Also nicht mehr alle Werte kaufen, die bei drei auf dem Baum sind, sondern die Substanzwerte im Tech-Sektor kaufen.
Aber genauso eben die Industriewerte aus der zweiten Reihe oder generell die Industriewerte. Die haben auch nach wie vor Zukunft.
Denn Kapitalismus – ich weiß, für viele ist das ein Reizwort, kann mir vorstellen, dass der eine oder andere jetzt dicke Wähle bekommt – aber Kapitalismus, wir reden über die Börse, nur die Börse macht das. Spaß zu sehen, wie Amerika weiter voranschreitet.
Es ist ein Markt, der sehr offen ist, mit klaren Informationspflichten. Dagegen ist der chinesische Aktienmarkt eine Wundertüte. Da weiß man gar nicht, was man drin hat. Das spricht definitiv für Amerika.
Julius: Du hast jetzt nur Amerika gefragt, Julius Europa aber auch.
Robert: Weil man muss mal trennen zwischen dem Wirtschaftsstandort, der Wirtschaftspolitik und den Unternehmen.
Wir können nach wie vor was wir sind der Klasse aufgestellt, auch über die zweite Reihe. Und wir verkaufen uns ja weltweit.
Wenn man sieht, wie viele Firmen ja weltweit aktiv werden, den Standort ja nicht ganz verlassen. Dann müsste man sich mit dem Wegzugssteuergesetz, wie es heißt, ja beschäftigen.
Aber die investieren ja weltweit und holen dort ihre Vorteile raus, wo die Standorte besser sind, wo man mehr Umsatz generieren kann, damit mehr Gewinne.
Das muss man klipp und klar von Deutschland trennen. Nicht umsonst ist der DAX ja so stark.
Wenn jetzt der DAX, ich sag mal so, das Sinnbild der deutschen Wirtschafts- oder generell der Finanzpolitik, der Politik wäre, dann wäre er Penny Stock und keiner wollte ihn haben.
Wer gewinnt die US-Präsidentschaftswahl?
Julius: Absolut, genau. Ja, dann noch eine letzte Frage von meiner Seite. Also so diese große Frage mit dem Blick in die Blackbox-Kristallkugel vielleicht: Was würdest du denn schätzen, wer am Ende das Rennen macht und die Präsidentschaftswahl gewinnt?
Robert: Wie sagt man in Amerika? „Too close to call.“ Ich würde, wenn man mich auskitzeln würde – ich bin kitzelig nicht –, dann würde ich sagen: Ja, bei heute würde es knapp Frau Harris werden.
Aber das ist wirklich das ... aufgrund des Mehrheitswahlrechtes. Die jungen Leute wollen Harris, aber die müssen auch wählen gehen. Und die Republikaner sind einfach wahlgenauer, disziplinierter. Die gehen zur Wahl.
Und das sind diese Swing States. Da hat einer schlecht geschlafen, geht nicht zur Wahl. Ja, reicht ja eine Stimme Mehrheit in einem Bundesstaat, um dann vielleicht die Richtung im anderen Lager zu machen.
Also ab heute, wenn ich gezwungen würde, wäre es Kamala Harris. Aber es würde mich nicht überraschen, doch Donald Trump werden würde.
Und wie gesagt, beide würden dem amerikanischen Aktienmarkt sicherlich nicht schlecht tun. Wie gesagt, dass hier keiner was falsch versteht: Es geht nicht darum, mit dem einen oder anderen Golf spielen zu gehen oder sich anzufreunden. Nein. Es geht darum, was heißt das konkret, kaltchristlich sozusagen, für die Börse.
Ausblick auf die Zeit nach der US-Wahl
Julius: Und das habe ich ja jetzt hier mit Grund getan. Robert, total spannend. Wir könnten, glaube ich, noch ewig weiter sprechen, einfach weil das ist natürlich auch ein wirklich total spannendes Thema.
Und du hast ja auch gesagt: Der Deutsche liebt Ereignisse oder Termine. Und das ist natürlich alle vier Jahre wirklich immer so ein Termin.
Ich bin wirklich sehr, sehr gespannt, wie das am 5.11. ausgeht und mal gucken, ob das eine oder andere, was du dann gesagt hast, auch eingetroffen ist.
Robert: Ja, ich denke, ich denke, Michael, das Event wird immer als hochgekocht ... aber nachher wird man sehen: Es hat sich ja gar nicht so viel geändert.
Ja, das sollte ich vielleicht am Rande natürlich noch sagen: Wenn es Donald Trump werden würde, könnte ich mir vorstellen, dass der Ukrainekrieg schneller beendet ist. Leider zulasten der Ukraine.
Es wird einen dreckigen Deal mit Putin geben. Aber in Amerika, das ist übrigens auch Erfahrung, die man ja früher nicht gemacht hat: Die Amerikaner haben keinen Bock mehr auf militärische Präsenz im Ausland. Sie wollen es nicht mehr. Das Thema, damit kann man keine Wahl mehr gewinnen.
Und wenn Trump das dann so hinbekommen würde, könnte er sich auch noch als Friedensfürst feiern lassen.
Wie gesagt, die Ukraine wird sehr stark leiden. Könnte mir vorstellen, dass der Status, wo die Russen heute sind, Ukraine bleiben. Die Russen bleiben. Es gibt keinen Friedensvertrag, so ein Waffenstillstand ähnlich wie vielleicht mit Süd- und Nordkorea.
Aber das Thema wäre dann vom Tisch. Und damit würde man den Russen insofern auch vielleicht längerfristig einen verstärkten Weg wieder öffnen Richtung Westen.
Denn der US-Administration geht's ja nicht um Russland. Die werden auch von der amerikanischen ... vollgenommen. Es geht ihnen darum, den Chinesen ein Spielzeug wegzunehmen: die Russen.
Und damit die Chinesen dann eben auch klein halten oder kleiner halten. Die sind im Augenblick etwas geduckt, auch wenn sie im Augenblick meinen, sie müssen dann „Whatever it takes“ mit ihrer massiven Stützung der Konjunktur loslegen.
Aber damit werden die Chinesen natürlich dann eher leiden. Und Amerika hätte das, was sie immer wollten: wieder die Pole Position in der Weltpolitik.
Julius: Das ist doch ein schönes Schlusswort. Ja, lieber Robert, vielen Dank für deine Einschätzung. Und ich würde fast sagen, wir klopfen zu später Zeit noch mal an und können das gerne noch mal weiter vertiefen.
Robert: Vielen Dank. Können wir gerne machen. Ich danke euch, Michael, Julius. Hat Spaß gemacht. Dann bis zum nächsten Mal.
Julius: Und wie sagt man im Rheinland: Ist noch mal gut gegangen.
Michael: Richtig. Danke dir, Robert.
justTRADE. So einfach geht Investieren.

Dieser Beitrag dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Kapitalanlagen unterliegen Wertschwankungen und allgemeinen Kapitalmarktrisiken. Der Wert einer Anlage kann steigen oder fallen; Verluste bis hin zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals sind möglich.