Börsentalk #11 - PLATOW über Thyssenkrupp und den Nucera Spin-off, erneuerbare Energien und die Entwicklung von Gerresheimer
In der elften Folge sprechen wir mit Jorg Schirmacher, Geschäftsführer von PLATOW, schauen wir nochmal rückblickend auf den Nucera Spin-off von ThyssenKrupp, was sich seitdem getan hat und ob der Kursverfall gerechtfertigt ist.
Zudem geht Jorg auf die hohen Investitionen von Gerresheimer ein und inwiefern sich die damit verbundenen hohen Wachstumserwartungen erfüllt haben, die er im letzten Podcast durchaus als Risiko eingeschätzt hat.
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Michael: Ja, hallo Jörg, ich freue mich, dass du heute wieder dabei bist. Das ist ja jetzt schon regelmäßig, dass wir dich hier dabei haben und dass wir mit dir über einzelne Werte sprechen.
Jörg: Ja, herzlich willkommen. Ja, guten Morgen Michael, schön, dass ich wieder dabei sein kann. Es ist tatsächlich das dritte Mal. Ich habe gerade mal geguckt: Unsere erste Aufnahme war Mitte Juli, Ende August und jetzt ist es der 10.10. und wir machen unseren dritten Podcast zusammen.
Michael: Aber nur zu zweit, ja. Der Tim, genau, Tim ist ja krank. Und insofern hast du heute mit mir zu tun und ich stelle dir die gemeinen Fragen. Wir haben dir ja im Vorfeld unsere meistgehandelten Werte aus dem September zugeschickt und ich glaube, diesmal haben wir besprochen, dass wir so ein bisschen über den Nebenwertebereich, also aus dem MDAX oder SDAX, man sagt ja auch so ein bisschen „Aktien zweiter Reihe“, sprechen. Welchen Wert hast du denn als Erstes für uns heute mitgebracht?
Jörg: Ja, zunächst einmal vielen Dank für die Liste. Wie immer spannende Werte. Ihr schickt mir ja immer die Top-Käufe und die Top-Verkäufer aus den verschiedenen Indizes und ich freue mich, dass es diesmal in die zweite Reihe in Deutschland geht. Ist mir ein bisschen schwergefallen, die Wahl zu treffen, weil so viele Werte dabei sind, die wir uns auch regelmäßig anschauen. Ich werde einige heute nur anreißen.
Worauf ich mich ganz gerne fokussieren möchte, ist zunächst einmal die thyssenkrupp nucera aus dem SDAX. Das war bei euren Kunden immer eine der meistgekauften Aktien und im Zusammenhang auch die Mutter von nucera, und zwar die thyssenkrupp aus dem MDAX, die wiederum einer der Top-Verkäufe im letzten Monat war.
Michael: Ja, ich glaube, den meisten Kunden und Zuhörern ist die thyssenkrupp-Gruppe ein Begriff, nucera wahrscheinlich eher weniger. Vielleicht kannst du einfach ganz kurz von beiden, also von thyssenkrupp und nucera, das Geschäftsmodell erläutern, sodass wir wissen: Was machen denn eigentlich diese Firmen?
Jörg: Gerne. thyssenkrupp ist wahrscheinlich deutlich bekannter als nucera, kann ich mir vorstellen. Trotzdem kurz ein paar Sätze dazu: thyssenkrupp ist einer der größten, weltweit größten Stahlproduzenten. Die produzieren nicht nur Stahl, die handeln auch damit.
Bis 2020 hatten die auch ein sehr attraktives Aufzugsgeschäft, also die Herstellung von Personenaufzügen, Lastenaufzügen, Rolltreppen und Laufbändern. Das haben die im Jahr 2020 an ein Konglomerat von Finanzinvestoren verkauft. Das ist also nicht mehr Teil des Geschäftsmodells.
Neben der Stahlproduktion gibt es dann noch eine Komponententechnologie. Da geht es um Hochleistungskomponenten, die sie zum Beispiel für die Automobilindustrie und für den Maschinenbau produzieren. Darüber hinaus haben die noch verschiedene industrielle Lösungen im Anlagenbau. Da führen die Projekte durch, zum Beispiel für die Chemie- oder Zementindustrie oder den Marinebereich. Also ein klassisches Industriegeschäft.
Zum Geschäftsmodell von nucera, also der Tochter, die thyssenkrupp vor einiger Zeit über ein Spin-off an die Börse gebracht hat: nucera ist spezialisiert auf die Elektrolyse. Die stellen Anlagen her, die für die Gewinnung von grünem Wasserstoff eingesetzt werden.
Also ein sehr skalierbares Geschäftsmodell, weil die produzierbare Wasserstoffmenge in diesen Anlagen eben baukastenprinzipmäßig durch die Montage weiterer Module kosteneffizient und sehr flexibel gesteigert werden kann. Das hat man auch in den letzten Jahren sehr schön an der Umsatzentwicklung gesehen.
Dazu gleich mehr: In diesem Anlagenbau sind die aber auch im Servicegeschäft tätig. Ein sehr hochmargiges Servicegeschäft, das über den gesamten Lebenszyklus dieser Anlagen läuft. Und diese Anlagen, die bestehen ja über viele, viele, viele Jahre. Da noch ein Servicegeschäft quasi angehängt ist, das stetige Umsätze generiert.
Nucera Spin-off
Michael: In unserem Podcast Nummer 8 Ende August haben wir ja ausführlich über sogenannte Abspaltungen und ihre verschiedenen Formen gesprochen, also beispielsweise Spin-off, Split-off oder Carve-out. Und du hast damals bei nucera gesagt, hinsichtlich der Performance, dass das einer der erfolgreicheren Spin-offs war. Vielleicht kannst du hier mal die Ausgangsbasis erläutern und noch mal sagen: Was hat sich eigentlich seitdem getan?
Jörg: Ja, gern. Was du sagst, stimmt. Aber kurz zum Hintergrund: Die thyssenkrupp-Gruppe hat nucera am 7. Juli über einen sogenannten Spin-off an die Börse gebracht. Vor diesem Spin-off hielt thyssenkrupp noch deutlich über 50 Prozent an dem Unternehmen. Und über diesen Spin-off hat sie diese Beteiligung dann auf 50 Prozent reduziert.
Damals lag der Emissionskurs der nucera-Aktie bei etwa 20 Euro. Damit war das Unternehmen rund 2,6 Milliarden Euro bewertet. Und ich hatte in unserem letzten Podcast im August dann ja auch darüber gesprochen, wie erfolgreich oder eben nicht erfolgreich diese IPOs statistisch gesehen sind: selten langfristig wertstiftend.
Und nucera hatte ich eben als eine der Ausnahmen hervorgehoben, zumindest was die reine Kursperformance zu dem damaligen Stand anbelangte. Damals lag die Aktie bei, ich glaube, es waren 22 oder 23 Euro, also über 20 Prozent über dem Emissionspreis.
Michael: Ja, und da sieht man mal, wie schnell der Wind drehen kann.
Jörg: Seitdem hat die Aktie sehr, sehr stetig verloren und ist Mitte September, also auch zu dem Zeitpunkt, wo die Aktie dann auch auf eurer Plattform handelbar war, unter den Einstandskurs von damals, von 20 Euro, gefallen. Das heißt, Anleger der ersten Stunde sitzen tatsächlich bei nucera jetzt auf satten Verlusten.
Michael: Ist denn der Kursfall in deinen Augen gerechtfertigt? Gibt es vielleicht irgendwie fundamentale Gründe oder könnte es auch daran liegen, dass Energieaktien im aktuellen Marktumfeld irgendwie generell Schwierigkeiten haben?
Gründe für Kursverluste
Jörg: Also zunächst einmal muss man sagen, das Thema erneuerbare Energien hat ja richtig erst an Fahrt aufgenommen nach 2020. Da gibt es viele interessante Technologien, die auf den ersten Blick spannend aussehen, aber eben nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen profitabel umzusetzen sind. Und Wasserstoff ist auch sehr diskussionswürdig.
Jetzt ist es so: Was für nucera spricht, ist, dass sie das geschafft haben – zumindest wenn man sich den IPO-Prospekt anschaut, der ja die letzten drei Geschäftsjahre enthält –, dass sie bewiesen haben, dass sie profitabel wirtschaften können.
Wenn man sich mal den Prospekt anschaut, da gab es im Geschäftsjahr 2019/2020 einen Umsatz von über 250 Millionen Euro und da wurde auch ein ordentliches EBIT von knapp 7 Millionen Euro generiert. Es ist Cash-generierend, positiver operativer Cashflow und unterm Strich eine Marge von 9 Prozent. Also profitabel.
Jetzt ist das zwar bis 2021/2022 dann deutlich gefallen. Also der Umsatz ist zwar um 50 Prozent gestiegen, man sieht, die Nachfrage ist da, aber die Kosten sind überproportional gestiegen und unterm Strich stand im letzten Geschäftsjahr eine Marge von 2 Prozent.
Aber jetzt mal unabhängig von der Entwicklung von dem Trend der Profitabilität: Die Profitabilität ist da, sie ist gegeben. Es ist ein profitables Geschäftsmodell, auch wenn die Margen jetzt nur im niedrigen einstelligen Bereich liegen.
Was attraktiv bei nucera ist, hatte ich eingangs kurz angetönt, sind eben die Serviceumsätze. Über 50 Prozent der Umsätze werden in diesem Servicegeschäft generiert, also in einem wenig zyklischen Geschäft. Und das ist zunächst einmal positiv bei diesem Unternehmen.
Der zweite Aspekt ist das ganze Thema Energiewende. In den letzten drei Jahren hat der ganze Sektor natürlich sehr starken politischen Rückenwind bekommen. Die Bewertungen sind entsprechend stark gestiegen. Das Interesse an bezahlbarer, sauberer Energie ist groß. Das spricht für den Sektor, das spricht für nucera, und ich glaube, das hat auch nach dem IPO überwogen, dieses Sentiment.
Was wiederum dagegen spricht – und das war auch damals, als wir uns die Aktie vor dem IPO angeschaut haben, für uns der Knackpunkt – ist, wie so oft bei Aktien aus diesem Sektor, die Bewertung.
Wenn man sich anschaut, auf den Geschäftszahlen, die ich jetzt eben kurz angerissen hatte, war die Bewertung bei einem Kurs von 20 Euro insofern zu teuer, als dass die Aktie mit dem Vierfachen des Umsatzes und dem Hundertfachen des EBITs bewertet war.
Und das war uns zu dem Zeitpunkt schlicht zu teuer und deswegen sind wir außen vor geblieben.
Kurzfristig hat sich das als falsch erwiesen. Ich hatte ja wie gesagt damals nucera als positives Beispiel genannt. Aber mittlerweile ist der Kurs ziemlich abgerauscht. Und das zeigt halt, dass Bewertungen in diesem Umfeld eine ziemlich wichtige Rolle spielen.
Rückenwind bei erneuerbaren Energien
Michael: Ja, ich meine, klar. Stichwort Rückenwind bei erneuerbaren Energien: Ich sage mal, Wasserstoff ist natürlich sicherlich eine der Technologien, die auch gefördert werden. Hat sich denn der Wind da nicht etwas gedreht, wenn man sich das makroökonomische Umfeld anschaut?
Jörg: Wir sehen da zwei Aspekte, die da eine Rolle gespielt haben. Der Trend zu erneuerbarer Energie, zu bezahlbarer grüner Energie, der ist natürlich langfristig absolut intakt. Aber in der kurzen Frist überwiegt die Tatsache, dass es eben extrem teuer ist.
Wir haben sehr hohe Energiepreise, wir haben eine hohe Inflation. Das treibt die Kosten in die Höhe. Der Ölpreis ist stark gestiegen und liegt momentan, glaube ich, bei fast 90 Dollar. Ist natürlich jetzt durch den Konflikt in Israel noch mal in die Höhe geschossen.
Und das spielt natürlich vor allen Dingen den Ölkonzernen in die Karten. Dort sprudeln die Gewinne. Das liegt daran, dass Öl und Gas natürlich schnell verfügbar sind. Die können auf einem Niveau von 90 Dollar sehr, sehr lukrativ gefördert werden.
Und das setzt natürlich die Erneuerbare-Energien-Aktien sehr stark unter Druck. Und das sieht man nicht nur bei nucera, das sieht man auch bei anderen Werten.
Ich habe auch mal in eurer Liste der meistgehandelten Werte geschaut. Dort finde ich auch eine ABO Wind zum Beispiel, Top-Verkauf im SDAX. Ich sehe Energiekontor. Also alles Unternehmen im Bereich Renewables, die es im aktuellen Umfeld sehr schwer haben. ABO Wind hat mehrfach die Prognosen gesenkt und das ist sicherlich ein Punkt, der zu viel Druck führt.
Und der zweite Punkt – ich hatte es eben bei nucera auch erwähnt – ist die hohe Bewertung.
Wenn du Zinsen von 5 Prozent erhältst für Staatsanleihen, die quasi als risikolos befunden werden können, dann ist das für Aktien mit hoher Bewertung sehr schwierig. Die Cashflows liegen halt weiter in der Zukunft, die werden entsprechend höher abdiskontiert. Das führt zu einer geringeren Bewertung.
Und wenn man jetzt mal als Kapitalmarktstratege sich Aktien und Anleihen anschauen würde und Aktien speziell im Bereich erneuerbare Energien und eben klassische Öl- und Gaskonzerne, dann könnte man sagen, dass erneuerbare Energien eigentlich ein Äquivalent für Anleihen mit langer Duration, mit langer Laufzeit, sind.
Und diese klassischen Energieproduzenten im Bereich Öl und Gas, dass die eigentlich ein Proxy für Anleihen mit kurzer Laufzeit sind.
Wieso? Steigen die Zinsen, kommt es bei denen mit den langen Laufzeiten, da wo die Cashflows weit in der Zukunft sind, entsprechend zu deutlich stärkeren Kursabschlägen. Wohingegen die kurzlaufenden Staatsanleihen, also die Ölkonzerne, ja, wo das Cash jetzt sofort fließt, wo Öl verfügbar ist, es muss nur gefördert werden und das hochprofitabel zu Kursen von 90 Dollar, entsprechend eben nicht zu diesen Kursabschlägen kommt.
Und diese beiden Aspekte, das aktuelle Sentiment und die hohe Bewertung, die drücken sehr stark auf diesen Sektor.
Michael: Also am Ende, wie du sagst, ist es ein langfristiges Thema.
Jörg: Genau, absolut.
Michael: Jetzt noch mal ein Schwenk zur Mutter, thyssenkrupp. Da ist es ja eigentlich eine ganz andere Investmentstory als bei nucera.
Schwenk zur Mutter thyssenkrupp
Jörg: Absolut. Also ich habe gerade noch mal nachgeschaut: thyssenkrupp handelt auf einem KGV von 4. Ja, also eine ganz andere Geschichte.
Ich würde thyssenkrupp als, in Anführungsstrichen, Deep-Value-Aktie bezeichnen. Der bekannte Investor Benjamin Graham hat damals von „Zigarettenstummeln“ gesprochen. Das sind in erster Linie Aktien, die einfach extrem günstig bewertet sind, also entsprechend eine hohe Sicherheitsmarge aufweisen. Wenig Risiko nach unten, aber ja vermeintlich auch wenig Potenzial nach oben.
Ich glaube, thyssenkrupp fällt da so ein bisschen hinein. Aber die haben natürlich auch im aktuellen Umfeld starken Gegenwind. Es ist ein sehr zyklisches, ein sehr kapitalintensives Geschäft. Das Geschäft hängt sehr stark ab von den Spotpreisen für Stahl.
Und die Produktion von Stahl ist natürlich extrem energieintensiv. Zwar spielt das Thema Nachhaltigkeit in der Stahlindustrie auch mittlerweile eine große Rolle, also CO₂-armer Stahl wird zunehmend gefragt. Aber dort, um ein Beispiel zu nennen, liegen für die Produktion von solchen grünen Brammen – so nennt man die – die Kosten, 40 Prozent der Kosten machen Energie aus.
Das heißt, solange die Energiepreise hoch bleiben, ist das natürlich schlecht für das Geschäft. Und das hat man auch ganz klar in den Q3-Zahlen von thyssenkrupp gesehen. Das EBIT ist um ein Drittel eingebrochen, wo der Umsatz in Anführungsstrichen nur um 12 Prozent eingebrochen ist.
Bei thyssenkrupp kann man eigentlich nur nucera als Erfolg der jüngsten Zeit bezeichnen. Dort hält ja die Mutter noch 50 Prozent. Heute ist nucera momentan 2,2 Milliarden Euro wert an der Börse. Das heißt, die thyssenkrupp hat eine liquide Beteiligung in ihren Büchern von ungefähr 1,1 Milliarden Euro.
Und wenn man sich jetzt mal die Bewertung anschaut, dann ist das schon fast absurd. Wenn man die Netto-Cash-Position von thyssenkrupp nimmt, also das gesamte Cash und Cash-ähnliche Assets in der Bilanz abzüglich der Schulden, und dann noch on top diese nucera-Beteiligung nimmt, dann kommt man ungefähr auf 4,3 Milliarden Euro.
Und die gesamte Marktkapitalisierung von thyssenkrupp ist momentan ungefähr dort. Also die Bewertung ist an der Börse auf dem Niveau der Cash-Assets.
Und wenn man sich den Buchwert pro Aktie, also den Wert des Eigenkapitals in der Bilanz, anschaut, dann liegt das bei 22,80 Euro. Und die Aktie handelt momentan bei 5 Euro, also massiv unter dem Buchwert der Assets in der Bilanz.
In meinen Augen absolutes Deep Value. Ist nichts, was wir interessant finden, eher für aktivistische Hedgefonds interessant. Es hat ja nicht zuletzt auch immer wieder Gerüchte gegeben, dass dort die Stahlsparte verkauft wird.
Michael: Ja, da werden wir wahrscheinlich davon ausgehen, dass da weiter Gespräche geführt werden. Und deswegen überlassen wir sowas auch solchen Investoren.
Ja, spannend. Ich meine, jetzt haben wir sozusagen den Rohstoffbereich und die Renewables besprochen. Du hast uns ja noch eine Aktie mitgebracht. Was hast du denn noch mitgebracht?
Gerresheimer-Aktie
Jörg: Auch einen Wert, der uns bekannt ist und der unseren Lesern bekannt ist, und zwar die Gerresheimer. Die war im MDAX auch eine der meistgekauften Aktien auf eurer Plattform. Ich glaube, an Platz fünf oder so war das.
Und das finde ich spannend vor dem Hintergrund, dass, als wir das letzte Mal darüber gesprochen hatten, die Aktie, glaube ich, bei 120 Euro handelte und die hat dann über 20 Prozent verloren und ist unter diese symbolische Marke von 100 Euro gefallen. Und das finde ich zumindest bemerkenswert.
Michael: Ja, du hast ja damals irgendwie betont, dass Gerresheimer da hohe Investitionen macht, ich glaube 150 Millionen in dem aktuellen Jahr und für nächstes Jahr, um sozusagen auch der Nachfrage nach seinen Produkten gerecht zu werden. Was am Ende natürlich auch hohe Wachstumserwartungen schürt.
Das hast du damals ein bisschen als Risiko gesehen, wenn die dann nicht erfüllt werden. Hat denn Gerresheimer diese Erwartungen nicht erfüllt und ist deswegen dann so stark zurückgekommen? Oder woran lag's?
Gerresheimer Quartalszahlen
Jörg: Also, die Firma hatte ja vergangenen Donnerstag Quartalszahlen, Q3-Zahlen, und auf diesen Moment haben im Prinzip alle gewartet.
Und um deine Frage zu beantworten: Die Erwartungen wurden fast erfüllt, lagen leicht darunter. Aber das Wachstum, das hat wie erwartet deutlich nachgelassen.
Wenn man sich anschaut: Im Q3 ist der Umsatz aus eigener Kraft, also organisch, nur noch um knapp 6 Prozent gestiegen. Wenn man das mal in Relation setzt zu dem Vorjahr und zu dem Jahr 2021, da lagen die Wachstumsraten deutlich zweistellig, mit 17 und 10 Prozent.
Also das ist deutlich runtergekommen. Die Aktie hat das eingepreist. Die ist von 120 auf 100 Euro gefallen. Das heißt, letzte Woche gab es auch nach einer kurzen ersten negativen Reaktion dann eigentlich auch eine Stabilisierung.
Das heißt, diese nachlassende Wachstumserwartung wurde in meinen Augen eingepreist.
Was jedoch sehr positiv zu werten war letzte Woche, war, dass der Umsatz zwar nur 6 Prozent gestiegen ist, aber das EBITDA, also der operative Gewinn, deutlich zugenommen hat. Das war wieder ein Wachstum von 16 Prozent. Die Marge hat sich um 2 Prozentpunkte ausgeweitet auf über 20 Prozent.
Und wenn man jetzt Bilanz zieht nach neun Monaten – und das ist ja mal das Entscheidende, dass man guckt: Wo ist die Prognose und was ist das Delta dorthin? – nach neun Monaten steht beim Umsatz bei plus 13 Prozent und beim EBITDA bei plus 21 Prozent gegenüber Vorjahr.
Und für das gesamte Jahr hat das Management mindestens 10 Prozent auf beiden Linien ausgerufen. Also mindestens 10 Prozent Umsatzwachstum.
Wenn man jetzt nach neun Monaten bei 13 Prozent ist, ist das, denke ich, eine komfortable Ausgangssituation. Beim EBITDA geht man aber auch nur von mindestens 10 Prozent aus. Und wenn man dort schon nach neun Monaten bei 21 Prozent steht, dann müsste der operative Gewinn rechnerisch prozentual zweistellig einbrechen im Q4, um dieses „mindestens 10 Prozent“ zu erreichen.
Und das war dann auch eigentlich der Knackpunkt, der später in der Telefonkonferenz diskutiert wurde.
Michael: Das heißt, am Ende hat das Management in den Telefonkonferenzen diesen Knackpunkt herausgestellt? Oder haben sie sich so ein bisschen drumherum verhalten?
Gerresheimer-Prognose
Jörg: Ja, die haben ziemlich auf der Bremse gestanden. Also die Fragen gingen ganz klar in die Richtung: „Hey, müsste nicht auf Stufe EBITDA eure Prognose erhöhen?“
Und der CEO hat sich da nicht sehr in die Karten schauen lassen. Man sagte, man gebe auf Quartalen keine Prognose ab.
Was er hingegen sagte, war, dass einerseits im Winter jetzt keine großen positiven Covid-Effekte zu erwarten seien, eher Grippe – Grippeeffekte, positive Grippeeffekte. Aber das ist natürlich nicht das, was das Geschäft antreibt.
Insgesamt sei die Nachfrage aber sehr robust. Und auch wenn das Management dort jetzt auf der Bremse gestanden hat und sich nichts hat quasi aus der Nase ziehen lassen, gehe ich davon aus, dass das einfach das Ziel ist, quasi Erwartungen zu bremsen und dann später zu übererfüllen.
Und warum glaube ich das?
Was man in den Zahlen sehen konnte im dritten Quartal, war, dass das Neugeschäft sehr stark angelaufen ist. Wir hatten in unserem letzten Podcast ja über die langen Verträge, mehrjährigen Verträge, abgeschlossenen Verträge mit Lilly und Novo Nordisk gesprochen. Die Verträge laufen über 10 Jahre.
Und jetzt kamen die ersten Aufträge rein. Also es gab im dritten Quartal mehrere, also Plural, große und konkrete Aufträge für diese GLP-1-Medikamente.
Und dafür hat man – das hat man im Cashflow-Statement gesehen – über 70 Millionen Euro an Downpayment, also an Vorabzahlung, erhalten. Dadurch ist der Cashflow von 16 Millionen im letzten Jahr auf über 80 Millionen nach oben geschossen.
Das hat auch die Verschuldung deutlich reduziert.
Und jetzt muss man wissen: Dieses GLP-1-Geschäft, das ist das Geschäft, was momentan treibt. Und das ist sehr margestark. Das ist auch schwer austauschbar. Dort generiert das Unternehmen zweistellige Margen und hohe Renditen.
Und deswegen glaube ich, dass die Prognose überhaupt nicht at risk ist, sondern dass das Q4 gut sein wird. Und somit ist diese Kursdelle, die wir jetzt gesehen haben, dieser Abfall auf 100 Euro, in jedem Fall als Chance zu sehen.
Michael: Also, es zeigt sich auf jeden Fall, dass es sich auch mal lohnt, wieder über Nebenwerte zu reden. Ich soll mal die großen Werte – die sind allen Leuten bekannt. Insofern finde ich es wirklich gut, dass wir mal hier heute den Schwenk Richtung Nebenwerte gemacht haben.
Wenn du jetzt abschließend sagen würdest – wir beraten ja keine Kunden, wir sprechen auch keine Empfehlung aus –, aber wenn du abschließend so ein bisschen noch mal eine Prognose für die heute besprochenen Aktien abgeben würdest: Wie würdest du das zusammenfassen?
Jörg: Ja, also Stand heute ist es so, dass wir bei thyssenkrupp schon seit Längerem eine Meiden-Empfehlung haben. Da sind wir nicht engagiert.
Bei thyssenkrupp nucera hatten wir uns, wie gesagt, vor dem IPO angeschaut und das Geschäftsmodell für attraktiv befunden, aber die Bewertung zu hoch. Das heißt, dort sind wir momentan auf Beobachten, schauen es aber genau an und gucken, ob sich da irgendwann eine Bewertung einpendelt, wo es sich lohnen könnte einzusteigen.
Und was Gerresheimer angeht, da sind wir, ich habe extra noch mal nachgeschaut, seit Juli letzten Jahres bei 57 Euro mit einer Kaufempfehlung an unsere Kunden herangetreten.
Wir hatten phasenweise bei über 120 Euro die Aktie auf Halten abgestuft, hatten dort gesagt, jetzt könnte das ein Hoch, ein Limit oben sein, wo die Aktie eventuell erst mal wieder nach unten ausbrechen könnte. Und das ist auch passiert.
Bei dem Kursrückgang auf 100 Euro sind wir aktuell wieder auf Kaufen. Also haben jetzt quasi diesen Rückgang von 20 Prozent wieder als Gelegenheit zum Einstieg genutzt.
Verabschiedung
Michael: Ja, also es zeigt sich, dass es sich lohnt, als Aktionär sich selber zu informieren, dass man sich einfach verschiedene Quellen anschaut. Ihr seid da ja mit PLATOW eine der Quellen im deutschen Markt, die, glaube ich, wirklich umfangreichste Analysen bietet.
Vielleicht auch noch mal der Hinweis auf euren Newsletter, den man als Interessent kostenlos abonnieren kann, der dann immer am Wochenende verschickt wird. Ich glaube, als wirklich wertvoller Baustein, um sich sozusagen eine eigene Meinung zu bilden.
Insofern, ja Jörg, vielen Dank. Ich freue mich schon auch auf den nächsten Podcast. Mal schauen, welche Werte wir dann besprechen.
Jörg: Ist ja mal so ein bisschen spannend, auch was unsere Kunden so handeln, sodass du natürlich auch so ein bisschen Anstoß bekommst, auch für Werte, die du dann analysieren darfst für uns.
Michael: Also ja, vielen Dank, dass du dabei warst heute.
Jörg: Ja, vielen Dank Michael, auch von meiner Seite. Hat Spaß gemacht und freue mich auf den nächsten Podcast.
Und danke für den Hinweis auf unsere PLATOW Briefing Weekend Edition. Wie du richtig sagtest, erscheint die immer sonntags um 9 Uhr und fasst eigentlich so einige unserer Ideen der Woche in einem kompakten digitalen Newsletter zusammen.
Die Anmeldung ist kostenlos, glaube ich, ist auch wieder in den Show Notes.
Michael: In den Show Notes, genau. Und freue mich auf das nächste Mal, hoffentlich dann wieder zusammen mit Tim.
Jörg: Genau.
Michael: Alles klar. Tschüss, bis dann.
Jörg: Tschüss.
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