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Börsentalk #22 - PLATOW: Ist Nvidia überbewertet? Was ist das KGV?

In der Rubrik justTRADE Marktnews steigen wir mit Jorg Schirmacher, dem Geschäftsführer von PLATOW, in die Fundamentalanalyse ein und sprechen über das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV).

Im ersten Teil des Podcasts legen wir die theoretischen Grundlagen dar, um das KGV besser zu verstehen. Das KGV ist eine Bewertungskennzahl, die vielen ein Begriff ist. Doch welche Faktoren spielen bei einer Bewertung eine Rolle und welche Arten von KGVs gibt es eigentlich?

Im zweiten Teil des Podcasts wenden wir das KGV auf Nvidia (US67066G1040) an und prüfen, ob das KGV den aktuellen Kurs rechtfertigt. Außerdem klären wir, warum günstige Aktien, also Aktien mit einem niedrigen KGV, nicht immer viel Rendite gebracht haben.

Wenn du möchtest, dass deine Frage in einer der nächsten Folgen beantwortet wird, schicke uns eine E-Mail an: podcast(at)justtrade.com

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Michael: Guten Morgen, Tim. Folge 22, heute mal wieder mit einem Gast. Nachdem wir uns jetzt zwei Folgen um die Belange der Kundenanfragen gekümmert haben, was machen wir denn heute Spannendes?

Tim: Genau. Wir haben heute Jörg Schönmacher von PLATOW wieder zu Gast. Wir tauchen so ein bisschen in die Welt der Fundamentalanalyse ein. Und da gibt es ja eine Reihe von Kennzahlen, die man verwenden kann, um Aktien zu bewerten.

Unter anderem das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also das KGV. Und das machen wir heute einmal. Wir haben einmal theoretisch besprochen, was das KGV ist, und dann haben wir auch noch mal ein praktisches Beispiel anhand von NVIDIA aufgezeigt, wie man das KGV wirklich anwendet und worauf man dabei achten muss.

Michael: Hallo und herzlich willkommen beim Börsentalk, dem justTRADE-Podcast – deinem Podcast für mehr Hintergrundwissen zum Thema Börse und Online-Broker. Es begrüßen dich deine Hosts Michael B. Busshaus und Tim Seifert.

Bevor es gleich losgeht, hier noch ein kurzer Disclaimer: Die bereitgestellten Inhalte in diesem Podcast dienen nur der Information, stellen keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar und sind weder als Angebot noch als Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Kryptowerten zu verstehen.

Ja, heute wieder mit Gast. Ich begrüße ganz herzlich Jörg. Wollen wir heute mal so ein bisschen am Anfang die Schulbank drücken?

Jörg: Ja. Guten Morgen, Michael. Hallo Tim, schön, wieder dabei zu sein.

Tim: Was meinst du mit Schulbank?

Jörg: Ja, wir haben ja heute gesagt, wir starten mit einem Theorieteil. Und da geht's um das sogenannte KGV, also das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Vielleicht kannst du das KGV einfach mal ganz kurz einordnen und erläutern, wie sich das eigentlich berechnet.

Jörg: Gerne. Also, das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist eine der gängigsten Kennzahlen für die Bewertung von Aktien und soll dabei helfen zu beurteilen, ob eine Aktie aktuell niedrig oder hoch bewertet ist.

Das berechnet man einfach, indem man den aktuellen Aktienkurs durch den aktuellen Gewinn je Aktie teilt.

Und die Logik dahinter ist, dass mir als Aktionär der Gewinn pro Aktie, wenn ich eine Aktie besitze, theoretisch zu 100 Prozent gehört und theoretisch auch zu 100 Prozent ausgeschüttet werden könnte.

Das ist zwar in der Regel selten der Fall und wäre wahrscheinlich auch nicht so gut, weil dann hat das Unternehmen wohl keine anderen Wachstumsperspektiven.

Aber dieses Verhältnis hilft dabei zu beurteilen oder einzuschätzen, wie viel ich denn eigentlich gerade bereit bin, für diese Aktie zu bezahlen. Ist das 20-Fache des Jahresgewinns oder ist es das Zehnfache oder eben nur das Fünffache?

Und für die, die das jetzt nicht ganz trivial finden, hilft es, das KGV einmal zu invertieren. Das heißt, statt den Kurs durch den aktuellen Gewinn je Aktie zu berechnen, kann man das einfach einmal umdrehen, also den Gewinn je Aktie durch den aktuellen Kurs berechnen.

Das ist das invertierte KGV und nennt sich auch Gewinnrendite. Da kann man auch zum Beispiel an die Dividendenrendite denken.

Ein Unternehmen schüttet ja immer oder in der Regel eine Dividende aus. Wenn man das mit dem KGV mal anschaut und das KGV zum Beispiel mit 10 bewertet ist und ich das jetzt invertiere, dann würde ich eine Gewinnrendite von 10 Prozent haben.

Und dann würde es, wenn der Gewinn sich nicht verschlechtert oder auch nicht steigt, in zehn Jahren quasi den Preis, den ich heute dafür bezahlt habe, zurückerhalten.

Und das ist eine der gängigen Bewertungskennzahlen, die man nutzt, um eine Aktie zu bewerten.

Tim: Und gibt's da noch irgendwie andere Faktoren, die da irgendwie eine Rolle spielen?

Jörg: Ja, also ich meine, ich muss die Frage stellen: Was soll ich denn jetzt für die Aktie bezahlen? Ist 20 fair, ist 10 fair oder bin ich bereit, eine ganz hohe Zahl zu nennen, 100, das 100-Fache des Jahresgewinns zu bezahlen?

Und um das einordnen zu können, sind zwei Faktoren meiner Meinung nach ganz entscheidend.

Das eine ist das Wachstum. Wie stark wächst ein Unternehmen?

Ich hatte eben das Beispiel genannt: Wenn ich für eine Aktie das Zehnfache bezahle und sich der Gewinn nicht verändert, dass ich dann in zehn Jahren meinen Einsatz zurück hätte.

Wenn jetzt aber das Unternehmen sehr stark wächst, dann dauert es vielleicht nicht zehn Jahre, sondern es dauert nur fünf Jahre, bis ich meinen Einsatz zurück habe.

Das ist der eine Aspekt, der da ganz entscheidend ist.

Der zweite ist die Qualität der Gewinnentwicklung. Das heißt: Wächst das Unternehmen sehr langsam und steigt dafür stetig oder ist es sehr zyklisch? Also hat es ein sehr volatiles Gewinnwachstum, in manchen Jahren ein sehr starkes Wachstum und dann in anderen Jahren negatives Wachstum?

Und das ist ein zweiter Aspekt, der bei der Bewertung eine Rolle spielen sollte.

Die verschiedenen Arten des KGV

Tim: Und jetzt ist es ja so, dass es das KGV gibt. Also, man meint ja landläufig: Okay, Kurs-Gewinn-Verhältnis ist einfach die Rechnung. Aber es gibt ja verschiedene Arten. Vielleicht kannst du die auch noch mal erläutern. Was da so die Besonderheiten sind?

Jörg: Ja. Ich hatte ja eben anhand von Beispielen den Gewinn, den Jahresgewinn, erwähnt. Und es ist natürlich jetzt ein Unterschied, ob du den aktuellen Kurs in Relation setzt zu dem Gewinn des abgelaufenen Geschäftsjahres oder ob du den aktuellen Kurs in Relation zu dem erwarteten Gewinn in zum Beispiel zwei Jahren setzt.

Und das kann sehr, sehr große Unterschiede haben.

Ersteres, also das KGV in Relation zum historischen Gewinn, ist das sogenannte nachlaufende KGV. Da wird in der Regel der Gewinn des letzten Jahresabschlusses verwendet.

Und dann gibt es das erwartete KGV. Hier setzt man den Kurs in Relation zu dem erwarteten Gewinn, also das Wachstum, das mithilfe von Prognosen bestimmt wird.

Und für mich als Aktionär ist natürlich die Zukunft interessant. Die Vergangenheit ist natürlich auch sehr, sehr wichtig, das möchte ich gar nicht in Abrede stellen. Es zeigt, ob ein Unternehmen in den letzten Jahren erfolgreich gewirtschaftet hat.

Und wenn das nicht der Fall ist, dann ist natürlich auch ein gewisser Indikator – könnte zumindest ein Baustein sein – für die Einschätzung der Zukunft.

Aber natürlich macht die Zukunft Kurse an der Börse. Und deswegen wird auch in der Regel das erwartete KGV verwendet.

Das heißt, die Wachstumserwartung wird aktuell in Relation gesetzt zu den Wachstumserwartungen der nächsten Jahre.

NVIDIA: Das KGV in der Praxis

Tim: Kommen wir nun von der Theorie zur Praxis.

Da ist es so, dass tatsächlich einer unserer meistgehandelten Werte NVIDIA ist. Das war ja auch in letzter Zeit wieder sehr stark in der Presse. Da hat wirklich ein Hoch das andere gejagt, ähnlich wie beim DAX.

Aber wir möchten jetzt mal ganz gerne das am Beispiel von NVIDIA zeigen. Und vielleicht kannst du da auch mal eine kleine Einordnung bei der Bewertung von NVIDIA für unsere Zuhörer machen.

Jörg: Gerne. Also NVIDIA, ich glaube, muss ich jetzt nicht viel zu erklären. Jeder hat sie gehört. Und die, die sie im Portfolio haben, dürfen sich glücklich schätzen.

Um jetzt zu beurteilen, ob NVIDIA aktuell attraktiv bewertet ist oder in der Vergangenheit attraktiv bewertet war und wie die Zukunft aussieht, sind, glaube ich, zwei Aspekte ganz, ganz wichtig.

Einmal: Wie teuer war NVIDIA in den letzten zehn oder fünf Jahren zum Beispiel? Und wie teuer ist sie aktuell bewertet?

Um das beurteilen zu können, sollte man nachschauen – das habe ich getan –, wie stark das Unternehmen denn in der Vergangenheit gewachsen ist und wie stark es in der Zukunft wachsen soll.

Hat sich das Wachstum beschleunigt? Hat es sich verlangsamt?

Und nur wenn man diese Analyse gemacht hat, kann man auch anhand des KGVs, über das wir heute sprechen, fundiert einschätzen, ob die Bewertung aktuell gerechtfertigt ist oder nicht.

Wenn ich mir jetzt mal das Umsatzwachstum von NVIDIA anschaue, das lag 2022 bei 126 Prozent. Also, die Umsätze haben sich mehr als verdoppelt.

Und historisch war das Umsatzwachstum für das laufende Jahr auf 75 Prozent taxiert. Also enorme Wachstumsraten.

Und wenn ich das mit der Historie vergleiche: Da lag das Wachstum in den letzten zehn Jahren, glaube ich, eher im Bereich von 25 bis 30 Prozent.

Wenn ich mir jetzt die Gewinnentwicklung anschaue, da ist es noch deutlich besser gelaufen, weil das Unternehmen die Marge hat ausweiten können.

Da hat sich im letzten Jahr der Gewinn verdreifacht. Und für das laufende Geschäftsjahr wird ein Gewinnwachstum von 70 Prozent erwartet.

Wenn ich mir jetzt anschaue, wie das Unternehmen oder wie die Erwartungen für das Wachstum vor einem Jahr waren – weil das ist ganz entscheidend für die aktuelle Bewertung –, dann habe ich mal in die Historie geblickt.

Ich habe geschaut: Die haben vor einem Jahr für das abgelaufene Geschäftsjahr, was NVIDIA vor, glaube ich, ein paar Wochen publiziert hat, 30 Milliarden Umsatz erwartet und einen Gewinn je Aktie von 4,30 US-Dollar.

Bei dem damaligen Kurs, der lag damals bei 230 US-Dollar, hat das ein KGV von 52 ergeben.

Das ist jetzt – ich meine, das ist ein Wachstumsunternehmen, Technologieunternehmen – nicht unüblich. Aber 52 vor einem Jahr ist jetzt nicht unbedingt niedrig.

Wenn ich jetzt schaue, was ein Jahr später das Unternehmen tatsächlich geliefert hat: Es waren nicht 30 Milliarden Umsatz, es waren 60 Milliarden Umsatz. Also doppelt so viel, wie von den Analysten vor einem Jahr erwartet.

Und der Gewinn, der ist nicht bei 4 US-Dollar gewesen, sondern der Gewinn war bei 12 US-Dollar, also das Vierfache.

Wenn ich jetzt den damaligen Kurs, wenn ich die Aktie vor einem Jahr gekauft hätte, in Relation zu dem tatsächlichen Gewinn, den das Unternehmen geliefert hat, setze, also 223 US-Dollar durch 12 US-Dollar, dann ist die Bewertung bei 18-mal.

Damals lag sie bei 52. Hätte ich sie aber zu dem Kurs gekauft und es sah optisch sehr teuer aus, ist sie auf das, was sie geliefert hat, sehr günstig eingekauft.

Ich möchte noch einen Schritt weitergehen.

Wenn ich mir jetzt anschaue, wie die Erwartung für das laufende Jahr, also wo noch kein Abschluss vorliegt, also die Gewinnerwartungen für das laufende Jahr, anschaue und die vergleiche mit dem vor einem Jahr:

Vor einem Jahr wurden 36 Milliarden US-Dollar Umsatz erwartet und ein Gewinn je Aktie von ungefähr 6 US-Dollar. Bei dem damaligen Kurs lag das KGV bei 40-mal.

Wenn ich jetzt mir die Gewinnerwartung für das laufende Geschäftsjahr auf dem Stand der Erwartung heute anschaue, werden nicht 36 Milliarden Umsatz erwartet, sondern 110 Milliarden US-Dollar, also fast viermal so viel.

Und es wird auch kein Gewinn je Aktie von 6 US-Dollar erwartet, sondern von 24 US-Dollar.

Und jetzt kommt der spannende Knackpunkt meiner Meinung nach:

Wenn ich den aktuellen Kurs, also nicht die 223 US-Dollar von vor einem Jahr, sondern die 930 US-Dollar, bei denen die Aktie momentan handelt, in Relation zu diesen Erwartungssätzen setze, dann kommt ein KGV von 38 raus.

Das heißt: Vor einem Jahr war die Aktie mit 40-mal bewertet und heute ist sie mit 38-mal bewertet.

Woran liegt das?

Der Kurs hat sich zwar vervielfacht, aber die Gewinnerwartungen haben sich noch stärker erhöht.

Das heißt, die Aktie ist, obwohl sie sich so stark entwickelt hat, günstiger als noch vor einem Jahr.

Und deswegen schüttele ich auch ein bisschen den Kopf, wenn ich in Nachrichten lese: Nach dieser Kursrally – ich meine, es sind ja immerhin mehrere 100 Prozent innerhalb von zwölf Monaten – sei die Aktie ja viel zu teuer, weil der Chart so stark nach oben zeigt.

Und war da jetzt 30 US-Dollar stehen? Wenn ich das in Relation setze zu dem, was momentan erwartet wird, dann ist die Aktie nicht teurer geworden.

Um das noch mal zusammenzufassen: Für die Einordnung eines KGVs ist es ganz entscheidend, sich zu überlegen: Wie stark wächst die Aktie? Wie zyklisch ist das Gewinnwachstum?

Ich meine, NVIDIA ist ein Halbleiterunternehmen, das auch mal negatives Wachstum ausweisen kann. Das muss man immer berücksichtigen.

Und ich finde immer den Blick ganz spannend, in die Vergangenheit zu gucken: Wie waren denn damals die Erwartungen und was habe ich bezahlt? Und wie ist das heute eigentlich zu bewerten?

Typischer Fehler bei der KGV-Bewertung: Zyklische Unternehmen

Tim: Gibt es denn darüber hinaus irgendwie einen Fehler oder einen gängigen Fehler, den man dann bei der Bewertung mittels des KGVs machen kann?

Du hast ja jetzt schon mal so ein bisschen das angeschnitten, dass nicht nur der Kurs wichtig ist, sondern auch natürlich der Gewinn. Daraus setzt sich die Gleichung logischerweise zusammen.

Jörg: Absolut. Ich hatte jetzt eben gesagt, dass NVIDIA ein zyklisches Unternehmen ist. Das stimmt natürlich auch nur zum Teil, weil es natürlich ganz viel strukturelles Wachstum aufgrund des Wachstums im Chipsegment hat und dort ja in vielen Bereichen marktführend ist.

Aber diese zyklischen Schwankungen, die werden eben oft unterschätzt.

Und ich glaube, du hattest es im Vorfeld mir erzählt, dass in deinem Bekanntenkreis oftmals Sätze fallen wie: „Jetzt ist die Aktie ganz günstig, jetzt musst du sie kaufen.“

Und so einfach ist es eben nicht.

Dieser Fehler wird eben sehr oft bei sehr zyklischen Industrieunternehmen gemacht.

Und das möchte ich ganz gerne mal am Beispiel von KION, einem deutschen Industrieunternehmen, darstellen.

Die stellen Gabelstapler her, Lagertechnik, alles für Supply-Chain-Lösungen. Also eigentlich ein sehr spannender Markt, aber eben auch ein sehr zyklisches Geschäft.

Wenn die Wirtschaft boomt, dann wird mehr in Gabelstapler und Lagertechnik investiert. Und wenn wir uns in einer Rezession befinden, dann entsprechend weniger Nachfrage.

Und was ich jetzt im Vorfeld mal gemacht habe: Ich habe geschaut, wie die Aktie KION denn historisch bewertet war auf Basis des KGVs und wie sich der Kurs zu diesen Zeitpunkten dann entwickelt hat.

Und was sehr schön erkennbar ist bei KION, ist, dass die Aktie ein Allzeithoch hatte. Und zwar war das Ende 2021 bei ungefähr 100 Euro.

Die Aktie war zu dem Zeitpunkt aber extrem günstig, wenn ich mir den historischen Durchschnitt der letzten zehn Jahre anschaue.

Da war die Aktie damals mit einem KGV, also ungefähr Ende 2021, mit einem KGV von 15 bewertet.

Das heißt, man könnte sich denken: Okay, ich zahle 15 dafür. Die Aktie ist also günstig bewertet.

Wenn du dann aber gekauft hättest, hättest du ein ziemlich schlechtes Geschäft gemacht.

Die Aktie hat sich von 100 Euro phasenweise innerhalb von sechs Monaten auf 10 Euro reduziert, also 90 Prozent Kursverlust.

Und die Bewertung der Aktie ist nach oben geschossen. Die lag dann im November 2022 bei 40 bis 45-mal.

Und das ist natürlich erst mal ein bisschen unlogisch. Man denkt sich: Man kauft die Aktie günstig, aber der Kurs fällt und dann wird die Bewertung noch teurer.

Und woran liegt das?

Das hat damit zu tun, dass bei zyklischen Unternehmen die Gewinne sehr, sehr schwanken.

Und was hier passiert ist, ist, dass vor dem Kurssturz die Aktie bei den Gewinnen auf einem Allzeithoch war. Die Gewinnerwartungen waren auf dem zyklischen Hoch, weil es sehr, sehr gut lief.

Und deswegen war die Aktie sehr, sehr günstig, weil der Nenner sehr, sehr hoch war.

Aber anschließend kam eben ein wirtschaftlicher Abschwung. Das heißt, die Gewinne sind ganz stark eingebrochen und dadurch ist die Aktie sehr teuer geworden, dadurch, dass der Nenner sehr stark gefallen ist.

Natürlich spielt auch die Kursentwicklung eine Rolle, klar.

Aber was das grundsätzliche Learning bei zyklischen Unternehmen sein sollte, ist, dass man sie eigentlich auf einem hohen Bewertungsniveau kaufen sollte.

Weil das bedeuten könnte, dass die Gewinne aktuell auf dem zyklischen Tief sind.

Und wenn man der These Glauben schenkt – und ich tue das –, dass Aktienkurse langfristig zumindest den Gewinnen folgen, dann sollte man eine Aktie kaufen, wenn die Gewinne ganz niedrig sind, weil sie anschließend ansteigen.

Und das kann man eben ganz besonders bei sehr zyklischen Unternehmen beobachten.

Und das sollte man gerade bei der KGV-Bewertung solcher Unternehmen berücksichtigen.

Tim: Das heißt, günstig ist nicht immer gleich zu dem Zeitpunkt attraktiv.

Nachteile des KGV

Tim: Jetzt haben wir wirklich schon einen großen Abriss zu dem ganzen KGV-Thema gemacht, was ja ein Aspekt der Fundamentalanalyse ist. Und man kann daran wirklich schon sehr gut ablesen, wie Unternehmen bewertet sind.

Aber gibt es denn auch Nachteile, wenn man sich zum Beispiel nur das KGV anschaut?

Jörg: Absolut. Also, ich glaube, ich habe natürlich auch schon ein paar Shortcomings jetzt anhand von Unternehmen wie KION erwähnt.

Ein weiterer Aspekt ist, dass, wenn man das erwartete KGV zu Rate zieht, also das KGV auf Basis der Prognosen, diese Bewertung nicht nur so gut ist wie die Einflussfaktoren, die in die Gewinnerwartung hineingeflossen sind.

Also, wenn der Analyst – und das sind ja die Erwartungen des Marktes – falsch liegt, dann kann das KGV völlig falsch sein, retrospektiv.

Deswegen ist ein erwartetes KGV immer nur so gut wie die Annahmen, die hineingeflossen sind.

Das KGV ist zudem auch sehr empfindlich gegenüber kurzfristigen Gewinnschwankungen.

Und gerade was den Gewinn je Aktie angeht, da sind Unternehmen ja sehr, sehr findig, dieses zu manipulieren.

Je tiefer ich in der G&V eines Unternehmens bin – und das ist eben der Gewinn je Aktie, das ist die niedrigste Linie in der G&V –, da wird eben am meisten auch manipuliert.

Also, es gibt Aktienrückkäufe, es gibt Bereinigungen, steuerliche Faktoren spielen eine Rolle. Das sind alles Aspekte, die so ein KGV manipulieren können.

Ein dritter wichtiger Nachteil bei der Bewertung ist gerade, wenn man Unternehmen miteinander vergleicht, dass die Kapitalstruktur nicht berücksichtigt wird.

Denn das KGV, das setzt ja ausschließlich die Marktbewertung des Eigenkapitals in Relation zum Gewinn je Aktie.

Die gesamte Fremdkapitalseite wird ja dort nicht berücksichtigt.

Und das heißt, dass ein Unternehmen – oder zwei Unternehmen –, die auf demselben KGV, ich sag mal, fünf, handeln, das eine Unternehmen kann einen viel höheren Verschuldungsgrad haben als das andere und hat entsprechend mehr Risiko.

Und das siehst du eben bei der Bewertungskennzahl KGV nicht. Da hast du das nicht abgebildet.

Und dann gibt's noch viele weitere Nachteile von einem KGV. Die möchte ich jetzt nicht weiter erläutern.

Ich glaube, diese sind die wichtigsten.

Aber das spricht eben dafür, dass das KGV immer nur ein Aspekt bei der Bewertung sein sollte und es eben viele weitere andere Kennzahlen gibt, die man auch zu Rate ziehen sollte.

Warum „günstig“ nicht immer attraktiv bedeutet

Tim: Ja, du hattest vorhin ja auch schon mal meinen Bekanntenkreis erwähnt, der unter anderem behauptet: Günstige Aktien sind immer attraktiv, weil sie ja mit einem gewissen Rabatt gehandelt werden.

Aber wieso ist es denn so? Also wieso sind günstige Aktien im Rückspiegel betrachtet nicht auch immer die, die viel Rendite gebracht haben?

Jörg: Ja, letzten Endes weiß man das immer erst später.

Deswegen ist es aber ganz spannend, wenn man dann einmal in den Rückspiegel schaut und guckt: Wie habe ich denn eine Aktie bewertet? Was habe ich denn damals für eine Aktie bezahlt? Und was hat die Aktie zehn Jahre später geliefert?

Und da haben wir in der PLATOW Börse vor – das ist schon eineinhalb Jahre her – mal eine kleine Analyse gemacht. Die habe ich jetzt noch mal hervorgeholt.

Wir haben uns angeschaut, anhand von Deutsche Bank, dem Softwareunternehmen Adobe und dem IT-Unternehmen aus Deutschland Mensch und Maschine, wie denn diese Bewertung sich historisch und heute dargestellt hat.

Und ja, ob es quasi damals sinnvoll war, eine Deutsche Bank zu kaufen, weil sie vergleichsweise günstig war, und ob es sich gerechnet hat, eine Adobe zu kaufen, die schon damals sehr, sehr teuer war.

Und anhand des Beispiels Deutsche Bank kann man ganz klar sagen: Das hat sich nicht so gut gelohnt.

Wenn man sich den Zeitraum 2015 bis 2020 mal anschaut, 2015 lag der Einstandskurs der Deutschen-Bank-Aktie bei 22,50 Euro.

Ich glaube, momentan handelt sie bei 12 oder so, also noch halb so teuer.

Und der Gewinn je Aktie lag bei 1,20 Euro. Das hat damals ein KGV von 19 ergeben.

Jetzt kann man darüber streiten, ob 19 damals viel oder wenig war. Aber optisch gesehen ist es wahrscheinlich – sieht es nach einer niedrigen Bewertung aus.

Wenn man aber dann geschaut hat, Ende 2020, und man quasi einen Strich oder die Rechnung gemacht hat, dann ist der Gewinn um 95 Prozent eingebrochen.

Der Gewinn je Aktie in 2020 lag bei 5 Cent.

Das heißt, wenn man sich überlegt, was man damals dafür bezahlt hat, 22,50 Euro, und dann das gegen den Gewinn je Aktie 2020 in Relation setzt, dann kommt man auf ein KGV von 450.

Das heißt, man hat damals 19 dafür bezahlt.

Aber wenn du deinen damaligen Kurs mit dem damaligen Gewinn vergleichst und in Relation setzt, kommst du auf eine sehr, sehr teure Bewertung.

Wenn ich jetzt die Rechnung mal für Adobe mache – ich glaube, es kennt jeder von euch, der schon mal eine PDF zusammengekleistert oder erstellt hat –:

Diese Rechnung mal für Adobe macht, da hat man damals das 145-Fache des damaligen Jahresgewinns von 50 US-Dollar bezahlt.

Also optisch sehr, sehr teuer.

Und heute liegt der Gewinn bei 11 US-Dollar – oder ich glaube, es war 2020. Die Analyse war für den Zeitraum 2015 bis 2020.

2020 lag der Gewinn bei 11 US-Dollar, also eine Verzwanzigfachung des Gewinns.

Und damals hat man sie für 2 US-Dollar bekommen. Und fünf Jahre später hat man einen deutlich höheren Kurs gehabt und einen deutlich höheren Gewinn je Aktie.

Das heißt, die Bewertung, für die man damals 145 bezahlt hätte, lag 2020 bei 7-mal.

Das heißt retrospektiv hast du damals sehr, sehr viel für die Aktie bezahlt.

Wenn du deinen Verwandten gesagt hättest: „Ich habe gerade Adobe für das 145-Fache des Jahresgewinns gekauft“, hätte man sich vielleicht ein bisschen schief angeschaut und gesagt: „Kauf doch lieber die Deutsche Bank.“

Fünf Jahre später war die Bewertung bei 7 auf Basis deines damaligen Einstandskurses. Also ein sehr, sehr schönes Investment.

Und dann würde der Bekannte ihn nicht mehr fragen. Genauso ist es.

Jetzt hat sich das Umfeld für die Deutsche Bank auch ein bisschen – fairerweise muss man das sagen – auch ein bisschen geändert. Da läuft ja auch ein bisschen besser.

Aber ich glaube, dieser Blick in den Rückspiegel, der kann manchmal sehr schön zeigen, dass günstig nicht immer auch viel Rendite bedeutet.

Tim: Das ist doch der perfekte Schlusssatz für unseren Theorie- und Praxisteil, quasi das Einmaleins der Fundamentalanalyse.

Vielen Dank, Jörg, dass du dir die Zeit genommen hast, das einmal unseren Hörern ausführlich zu erklären. Das war wirklich sehr, sehr tiefes Wissen zum KGV.

Und ja, bis zum nächsten Mal.

Jörg: Vielen Dank, Michael.

Tim: Ja, vielen Dank. Bis zum nächsten Mal.

Michael: Tschüss.

Tim: Tschüss.

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Dieser Beitrag dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Kapitalanlagen unterliegen Wertschwankungen und allgemeinen Kapitalmarktrisiken. Der Wert einer Anlage kann steigen oder fallen; Verluste bis hin zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals sind möglich.