Börsentalk #10 - Marcel Langer von J.P. Morgan über strukturierte Produkte (Anlagezertifikate, Optionsscheine und Hebelprodukte)
In unserer Jubiläumsausgabe geben wir mit Marcel Langer von J.P. Morgan eine kleine Einführung in die Welt der strukturierten Produkte (Zertifikate).
Wir klären die Frage, was strukturierte Produkte sind und für welche Anlageentscheidungen der Einsatz sinnvoll ist. Außerdem beschreibt Marcel den Emissionsprozess und erklärt, welche Eigenschaften ein Basiswert erfüllen muss, damit J.P. Morgan auf diesen Basiswert entsprechende Zertifikate emittiert. Weitere Themen der Podcast-Folge sind:
- Wie verdient ein Emittent von strukturierten Produkten eigentlich Geld?
- Wenn ein Zertifikat ausknockt, bleibt dann das Geld beim Emittenten?
- Was hat sich seit der Lehman-Pleite vor 15 Jahren im Zertifikatemarkt geändert?
- Welche zukünftigen Pläne hat J.P. Morgan für den Ausbau seiner Produktpalette?
Wenn du möchtest, dass deine Frage in einer der nächsten Folgen beantwortet wird, schicke uns eine E-Mail an: podcast(at)justtrade.com
Folge 10 unseres Podcasts. Ich würde sagen: Jubiläumsfolge! Aber es gibt auch noch eine weitere Besonderheit: Wir sind zum ersten Mal mit unserem Gast Marcel Langer in unserem Podcast-Studio in Frankfurt. Herzlich willkommen, Marcel!
Marcel Langer: Hallo, vielen Dank für die Einladung. Bin gespannt, wie es wird – mein erster Podcast.
Michael: Marcel, vielleicht ganz kurz: Du bist ja bei J.P. Morgan und verantwortest dort das Geschäft der strukturierten Produkte. Vielleicht stellst du dich einfach ganz kurz vor und erzählst, was J.P. Morgan in dem Geschäftsfeld so macht.
Marcel Langer: Sehr gerne. Mein Name ist Marcel Langer, ich bin jetzt seit Anfang 2018 bei J.P. Morgan und bin, wie du richtig sagst, verantwortlich für Marketing und Vertrieb von Zertifikaten und Optionsscheinen in Europa.
Wobei sich Europa im Moment noch ein bisschen groß anhört. Tatsächlich sind wir bisher aktiv in Deutschland und Österreich. Bevor ich bei J.P. Morgan angefangen habe, war ich über zehn Jahre bei einer Schweizer Bank in ähnlicher Funktion.
Ich habe bei J.P. Morgan dann in London angefangen. 2018 war ich drei Jahre in London. Da haben wir das ganze Geschäft quasi zusammen mit den Kollegen aufgebaut. Aufgrund des Brexits hat es mich dann Ende 2020 nach Frankfurt verschlagen. Der Rest des Teams ist nach Paris gegangen, also unser Handelssitz ist in Paris.
Michael: Was haben wir da gemacht die letzten Jahre?
Marcel Langer: Im Gegensatz zu den allermeisten unserer Mitbewerber haben wir diesen Geschäftsbereich in Europa zumindest nie wirklich beackert. In Asien ist das ganz anders, da sind wir schon seit vielen Jahren Marktführer.
In Deutschland ist das Geschäft aber noch relativ jung. Wie gesagt, wir haben angefangen – oder meine Kollegen, muss man fairerweise sagen, haben angefangen – 2016 die ganze Infrastruktur hochzuziehen. Ich bin dann seit Anfang 2018 an Bord und seitdem etablieren wir uns, glaube ich, ganz gut im deutschen und österreichischen Markt.
Michael: Ja, du bist ja auch einer unserer Premiumpartner. Unsere Kunden verhandeln ja auch ganz gerne mit euch. Vielleicht mal zum Start noch was Privates: Was war denn dein erster Trade?
Marcel Langer: Die Frage kam Gott sei Dank vorab, weil ich wirklich lange, lange nachdenken musste. Aber ich glaube, ich weiß es tatsächlich noch. Und das Gute ist: Es kann mir ja auch keiner als Anlage- oder Investmentberatung auslegen, denn die Aktie gibt es schon lange nicht mehr.
Das wird relativ zu Anfang meiner Bankausbildung gewesen sein. Also, ich habe als ersten Schritt ins Finanzwesen tatsächlich eine Bankausbildung bei einer Sparkasse im Ruhrgebiet gemacht. Das wird dann so wahrscheinlich Ende 1997 gewesen sein, wo es dann für mich mal an der Zeit war, die erste Aktie zu kaufen.
Zu dem Zeitpunkt hat meine Mutter ganz kuriose Porzellanfiguren gesammelt. Das waren so Fingerhüte. Da gab es dann irgendwie für jeden Monat im Jahr einen Fingerhut. Die Dinger waren unfassbar teuer und ich habe mir überlegt: Okay, also wenn man Leute dazu bringt, für so wenig Porzellan so viel Geld zu bezahlen, dann ist das bestimmt eine gute Firma.
Diese Firma, ich glaube, die Marke gibt es noch, die Aktie gibt es lange nicht mehr. Die Firma heißt oder hieß Hutschenreuther. Ich habe dann damals auch so ein, zwei Artikel über diese Firma gelesen und dachte mir: Okay, das ist meine erste Aktie. Die habe ich dann gekauft.
Tim: Das ist ja vielleicht auch mal ganz witzig. Wahrscheinlich 90 Prozent eurer Kunden können sich gar nicht vorstellen, wie man 1997 Aktien gehandelt hat.
Marcel Langer: Es lief dann tatsächlich so: Ich musste ein Formular ausfüllen, das musste ich dann an die Wertpapierabteilung meiner Sparkasse faxen. Dort wurde der Auftrag dann in irgendein System eingegeben und die Order wurde dann tatsächlich noch am gleichen Tag zum Mittagskassakurs ausgeführt.
Das heißt, es gab also wirklich für diese Aktie für Retail-Kunden einen Kurs am Tag. Und zu welchem Kurs man dann tatsächlich ausgeführt wurde, hat man dann in der Regel ein bis zwei Tage später erfahren, wenn die Abrechnung per Post kam.
Tim: Da hat sich also in den letzten 20, 30 Jahren eine Menge geändert.
Marcel Langer: Ganz witzig an der Stelle auch noch: Ich hatte damals einen Ausbilder, den Filialleiter. Der war auch super wertpapieraffin. Damals war es üblich, dass man einmal am Tag so eine Kursliste ausgedruckt hat. Da waren dann beispielsweise alle DAX-Aktien drauf mit diesem Kassakurs, der mittags festgestellt wurde.
Diese Kursliste wurde dann in der Filiale der Sparkasse ausgehängt, damit andere Kunden sich darüber informieren können. Internet war damals noch nicht so populär.
Mein Filialleiter war dann so nett, die Hutschenreuther-Aktie mit in diese Liste aufzunehmen, obwohl sie sicherlich keine DAX-Aktie war, aber damit auch ich mich darüber informieren konnte, wie es mit der Aktie steht.
Und ich glaube, es ist nicht ganz falsch, wenn ich sage: Ich habe mit meinem Kauf wahrscheinlich das Allzeithoch der Aktie getroffen. Von da ab ging es relativ stetig – nicht dramatisch, aber stetig – nach unten und ich habe sie dann irgendwann mit Verlust verkauft.
Tim: Ich finde, das ist doch eigentlich eine herrliche Anekdote. Vor über 26 Jahren die erste Aktie gekauft – das ist doch schon eigentlich ziemlich cool.
Was sind strukturierte Produkte?
Michael: Wie Michael vorhin eingangs erwähnt hat, seid ihr unser Premiumpartner bei Zertifikaten. Und wir möchten das auch mal ein bisschen nutzen, um einfach mal eine kleine Einführung in strukturierte Produkte zu geben.
Doch bevor wir da ein bisschen tiefer einsteigen: Wäre es vielleicht ganz cool, wenn du einfach einmal erklären könntest, was überhaupt strukturierte Produkte sind?
Marcel Langer: Ja, also zunächst einmal: Es sind Wertpapiere. Das ist ganz wichtig zu wissen. Es sind keine CFDs, es sind keine Kontrakte, es sind ganz normale, in Anführungszeichen, Wertpapiere, die von einem Emittenten begeben werden.
Und zu jedem dieser Papiere gehört ein Basisprospekt und sogenannte endgültige Bedingungen. Das sind tatsächlich sehr juristische Dokumente. Die sind auch nicht immer leicht zu verstehen, aber sie sind deshalb so wichtig, weil sie schon bei Emission exakt beschreiben, wie dieses Papier funktioniert.
Man weiß halt noch nicht, wie es zurückgezahlt wird oder wie es fällig wird, aber man weiß ganz genau, welche Formel man beispielsweise anwenden muss, um zu wissen, wie dieses Papier irgendwann zurückgezahlt wird.
Es gibt, glaube ich, über zwei Millionen dieser Produkte in Deutschland. Ganz, ganz viele verschiedene Auszahlungsprofile. Und ich glaube, der, wenn man so will, große Vorteil dieser Produkte ist die Tatsache, dass man damit so ziemlich jeden Punkt auf dieser Risiko-Rendite-Kurve spielen kann.
Also, man muss sich ja – ich glaube, es ist relativ intuitiv verständlich – vorstellen: Wenn ich mein Geld auf dem Sparbuch anlege, dann ist es dort sehr sicher, aber die Rendite ist halt auch nicht umwerfend.
Je höher eine mögliche Rendite ist, desto höher ist auch das mögliche Risiko. Das ist ein Naturgesetz. Und jeder, der da etwas anderes erzählt, der sagt: „Ich garantiere dir, du machst zehn Prozent ohne Risiko“, das ist einfach Blödsinn.
Mit diesen strukturierten Produkten – ohne da jetzt auf einzelne Auszahlungsprofile einzugehen – kannst du halt wirklich von, ich will sagen, Sparbuch – weil es immerhin Schuldverschreibungen sind, das heißt, man hat ein Emittentenrisiko, also man fängt in jedem Fall schon ein bisschen höher an als beim Sparbuch – bis zu hochspekulativ, Hebel 100 auf den DAX, kann man wirklich jeden einzelnen Punkt auf dieser Risiko-Rendite-Kurve treffen.
Und das ist halt wirklich ein Merkmal: Das haben nur diese Produkte. Das kann ich mit einem ETF nicht schaffen, mit einer Aktie nicht schaffen, mit einem Bond nicht schaffen. Das geht tatsächlich eigentlich für einen Privatkunden nur mit strukturierten Produkten.
Michael: Okay, das ist wirklich sehr interessant. Also würdest du sagen, das ist deswegen sinnvoll, weil du alle Punkte auf der Kurve treffen kannst, je nachdem, was deinem Risikoprofil entspricht und wie viel Rendite du möchtest?
Marcel Langer: Ja. Man muss sich schon darüber informieren, wie die Produkte funktionieren. Ich sage nicht, dass das alles immer total einfach und intuitiv ist. Das ist es wahrscheinlich nicht.
Auf der anderen Seite gibt es von Emittenten, von uns, aber auch von anderen, so viel Informationsmaterial, wo erklärt wird, wie gewisse Zertifikatsformen funktionieren und worauf man achten muss. Und es empfiehlt sich, da sich ein bisschen einzulesen, bevor man anfängt.
Denn es ist halt nicht ärgerlicher, als Geld zu verlieren, obwohl vielleicht die Marktmeinung die richtige war, aber ich habe halt ein Produktdetail nicht ganz verstanden.
Tim: Ich glaube, vielleicht ergänzen, was ja auch die Produkte ausmacht: Dass ich ja long und short investieren kann. Also beispielsweise kann ich die Produkte auch nutzen, um mein Depot abzusichern, was ja auch nicht mit allen anderen Formen geht.
Klar, könnte ich jetzt irgendwie auch eine Aktie shorten, aber das ist eher ungewöhnlich und komplexer. Aber bei einem Zertifikat gibt es eben beide Strategien, sogar gleichlaufende Strategien. Am Ende gibt es wirklich alles, wie du sagst, auf der Kurve.
Marcel Langer: Ja. Und es ist halt einfach bequem, weil es in Anführungszeichen immer nur ein Wertpapier ist.
Du hast es gesagt: Aktien shorten geht theoretisch auch, ist aber für einen Privatkunden in Deutschland sehr, sehr schwierig und sehr, sehr aufwendig.
Ich kann auch als Privatkunde theoretisch mich an der Eurex engagieren und DAX-Futures handeln oder DAX-Optionskontrakte. Das geht theoretisch auch, praktisch geht es auch, es ist aber viel mehr Aufwand.
Und für die allermeisten Privatkunden gibt es da vermutlich Hürden, was das Mindestdepotvolumen angeht und in all diesen Fällen gibt es halt strukturierte Produkte, die das Gleiche können. Und ich muss halt nur einen viel kleineren Betrag investieren.
Michael: Okay, sehr interessant. Wir haben ja schon über die strukturierten Produkte gesprochen. Aber wie werden denn die strukturierten Produkte jetzt von euch, als Beispiel, genau emittiert? Also vielleicht kannst du da kurz mal auf den Prozess eingehen.
Wie werden strukturierte Produkte emittiert?
Marcel Langer: Also bei uns ist es so – ich hatte das anfangs erwähnt – wir haben natürlich insofern einen Nachteil, als dass wir in Deutschland noch nicht so bekannt sind. Die meisten unserer Mitbewerber machen das Geschäft seit 10, 15, 20, 25 Jahren.
Der große Vorteil, wenn man dieses Geschäft neu anfängt und wir hatten tatsächlich keinerlei Infrastruktur, als dieses Projekt losging, ist die Tatsache, dass man sich so eine Infrastruktur so ein bisschen wie auf einem weißen Blatt Papier bauen kann, so wie man glaubt, dass es ideal ist.
Und ihr wisst das, und ich glaube, viele eurer Hörer und eurer Kunden wissen es auch: Banken-Infrastruktur ist superkomplex, in der Regel über Jahrzehnte gewachsen. Es gibt immer höhere regulatorische Anforderungen, dann muss man hier noch ein System dranpflanzen und noch ein anderes System.
Und irgendwann ist dieser ganze Systemkomplex so ineffizient, dass es halt die Arbeit wirklich belastet.
Bei uns ist es so: Wir haben auf dem weißen Blatt Papier angefangen. Wir hatten Leute, die dieses Geschäft schon sehr, sehr lange erfolgreich betrieben haben und die halt auch wissen, wie so eine Infrastruktur aussehen muss, damit sie gut funktioniert.
So, das war jetzt quasi die Einleitung. Du hattest mich gefragt: Wie emittieren wir eigentlich Produkte?
Es ist verhältnismäßig unspektakulär, muss man ganz ehrlich sagen. Denn es ist bei uns so: Wenn wir einen neuen Basiswert hinzufügen, dann überlegen wir uns: Okay, mit welchen Produkten, also mit welchen Produktarten und wie umfassend wollen wir diesen Basiswert abdecken?
Natürlich ist es verständlich, dass wir mehr Produkte auf den DAX haben als auf Fugro Petroleum – ich glaube, die heißen gar nicht mehr so, aber ist eine meiner Lieblingsaktien, alleine wegen des Namens. Auch das ist keine Empfehlung.
Natürlich werden wir für den DAX immer sehr, sehr viel mehr Produkte machen als für Nebenwerte.
Was wir dann machen, ist über Formeln, über Parameter definieren wir: Okay, wir wollen beispielsweise bei Open-End-Turbos zehn Prozent über und unter dem aktuellen Kurs. Wollen wir im DAX beispielsweise jeden Indexpunkt als Strike anbieten oder alle fünf Indexpunkte oder alle zehn Indexpunkte?
Das wird einmal pro Basiswert definiert. Und was dann im Grunde nur noch passiert, ist, dass wir ein System laufen lassen, das zum einen dieses Idealportfolio vergleicht mit dem tatsächlich vorhandenen Portfolio.
Produkte werden ja auch ausgeknockt etc. Dieses System erkennt die Lücken, die fehlen, und das sind die Produkte, die wir für den nächsten Tag emittieren.
Um euch so eine Hausnummer zu nennen: Wir emittieren pro Tag irgendwo zwischen 1.000 und 7.000 Produkte.
Natürlich emittieren wir mehr, wenn es jetzt volatil ist, wenn viel ausgeknockt wird, wenn auch viel nicht mehr interessant ist, weil der Strike so weit weg ist bei Optionsscheinen zum Beispiel.
Das heißt also: Wir emittieren nicht nur viel, wir nehmen auch viel wieder vom Markt, weil es überhaupt keinen Sinn ergibt, einen Call-Optionsschein anzubieten, der 300 Prozent weit weg vom Strike ist. Den kauft keiner. Der belastet im Zweifelsfall unsere Rechenpower.
Also sind wir auch relativ aktiv darin, Produkte wieder vom Markt zu nehmen, genauso wie wir aktiv sind, neue Produkte zu emittieren.
Für uns ist dieser Emissionsprozess ziemlich voll automatisiert. Auch diese – es gibt ja ganz viele verschiedene Systeme, die diese Papiere kennen müssen. Die Börse muss es kennen und, ohne da jetzt zu sehr ins Detail zu gehen, noch sehr viele andere Institutionen müssen diese Papiere kennen, damit man sie auch abwickeln kann, damit man sie setteln kann.
Sie müssen bei uns auf die Website, die Dokumente müssen erstellt werden, ein KID muss erstellt werden und all diese Schritte sind bei uns voll automatisiert.
Es gibt Emittenten, die haben tatsächlich Mitarbeiter, die fast den ganzen Tag nichts anderes machen. Die haben wir nicht, sondern wir drücken im Grunde auf den Knopf und wenn nichts schiefgeht, läuft alles von selber.
Welche Eigenschaften muss der Basiswert haben?
Michael: Sehr interessant. Vielleicht gehen wir da noch mal einen kleinen Schritt zurück. Welche Eigenschaften muss der eigentliche Basiswert aufweisen, damit er von euch emittiert wird?
Du hattest ja gerade die Sinnhaftigkeit schon mal in den Vordergrund gestellt. Also auf den DAX macht es vielleicht mehr Sinn als auf Nebenwerte. Aber gibt es da vielleicht auch noch andere Gründe oder was muss vorhanden sein?
Marcel Langer: Da gibt es – es ist relativ einfach zu erklären – nach 15, 20 Jahren, in denen es diese Produkte gibt, immer noch den Mythos, dass die Emittenten Geld verdienen, wenn die Kunden Geld verlieren.
Das ist nicht der Fall. Denn wann immer ein Kunde ein Papier von uns kauft, egal ob long oder short oder ob Open-End-Turbo oder Optionsschein, sichern wir uns ab.
Was heißt dieses Absichern? Du gehst von mir aus mit dem Open-End-Turbo long den DAX. Dann heißt das, wir kaufen den DAX-Future beispielsweise als Absicherungsgeschäft. Wir bilden genau die Position nach, die du haben willst.
Das heißt also: Geht der DAX hoch, gewinnst du, weil dein Papier teurer wird. Wir finanzieren deinen Gewinn quasi dadurch, dass unser Absicherungsgeschäft auch teurer wird.
Und diese Absicherungsgeschäfte sind elementar. Das ist kein Casino, sondern das ist Finanzmathematik.
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir werden einen Basiswert nur dann anbieten, wenn wir ihn auch absichern können.
Was brauchen wir dafür? Zum einen muss dieser Basiswert liquide sein.
Viele Privatkunden glauben – das ist so meiner Erfahrung – an der Börse ist alles immer super liquide und ich kann da rein und raus und alles super, total einfach.
Das stimmt bei DAX-Aktien zwischen 9:00 und 17:30 Uhr, ja, ist so. Aber bei vielen Aktien ist das eben nicht der Fall.
Und was man quasi im Hinterkopf haben muss: Viele unserer Produkte haben einen Hebel. Wenn du dann 5.000 Euro investierst mit einem Hebel von zehn, dann bewegst du, um es jetzt ein bisschen vereinfacht zu sagen, 50.000 Euro dieses Basiswerts. Und die musst du erst mal handeln.
Und die Spreads in unserem Geschäft sind super eng, in der Regel, aber regelmäßig auch enger als im Basiswert. Das heißt also, wenn du so eine Order beispielsweise absichern musst und der Basiswert ist völlig illiquide, dann verlierst du schon mal aus dem Absicherungsgeschäft.
Also Liquidität im Basiswert ist eine wichtige Sache.
Und wenn wir dann über Turbos, Optionsscheine und über Bonuszertifikate sprechen, brauchen wir auch einen liquiden Volatilitätsmarkt.
Was heißt das? Irgendwo auf der Welt, sei es jetzt in Deutschland oder in Amerika, müssen Optionskontrakte auf diesen Basiswert handelbar sein, weil wir die zur Absicherung brauchen.
In aller Regel, nicht immer, aber in den allermeisten Fällen brauchen wir sie.
Sodass wir uns im Grunde angucken: Okay, wie liquide ist der Basiswert? Gibt es einen liquiden Optionsmarkt? Gibt es vielleicht noch irgendwelche Company News, die relevant sind?
Wenn du jetzt einen Übernahmekandidaten hast, da wirst du dir wahrscheinlich zweimal überlegen, ob du darauf Produkte anbietest, weil es da zu extrem erratischen Kursschwankungen kommen kann.
Und das ist so eine Checkliste, die wir im Grunde für jeden Basiswert einmal abarbeiten.
Und wenn dann alle Zeichen auf Grün sind, machen wir genau das, was ich vorhin erklärt habe: Wir gucken uns an, okay, wie groß soll die Produktabdeckung auf dem Basiswert sein? Das legen wir einmal fest und dann läuft der in unserem ganz normalen Emissionsprozess mit.
Michael: Früher musste man ja diese Prospekte auch noch physisch bei der BaFin abliefern. Ist das noch so oder ist das inzwischen elektronisch?
Marcel Langer: Nein, das ist mittlerweile elektronisch. Da kommt es aber auch, glaube ich, darauf an, welche Infrastruktur die Emittenten nutzen. Ich wäre nicht überrascht, wenn es Emittenten gibt, die das tatsächlich noch so machen, wo dann einmal am Tag ein Fahrradkurier die endgültigen Bedingungen einsammelt und zur BaFin bringt.
Ich würde wirklich gern mal diesen Raum sehen, wo diese Millionen und Abermillionen von endgültigen Bedingungen aufbewahrt werden.
Wir machen das in der Tat nicht mehr.
Warum sollten Kunden eure Produkte handeln?
Michael: Okay, vielleicht so einen kleinen Elevator Pitch: Es gibt ja durchaus Kunden bei uns, die euch noch nicht handeln. Warum sollten Kunden eure Produkte handeln? Wo seid ihr besonders gut? Was wären da so deine Punkte, die du dem Kunden sagen würdest? Das zeichnet uns aus.
Marcel Langer: Ja, ich hatte das vorhin schon mal angesprochen. Wir haben diese ganze Plattform ab 2016 im Grunde erst gebaut, mit Leuten, die sehr viel Erfahrung darin haben.
Und ich glaube, mittlerweile zeichnet sich das auch aus. Wir sind extrem automatisiert, wir sind extrem schnell und wir sind in vielen Fällen auch extrem aggressiv.
Das heißt nicht, dass wir immer die billigsten sind. Das sind wir bestimmt nicht.
Aber was wir merken: Die Kundengruppe, die uns als erstes anfängt zu handeln, sind Heavy Trader, weil die halt zu schätzen wissen, dass wir große Stückzahlen stellen, dass wir enge Spreads stellen, dass wir Produkte nicht ausschalten, dass wir Volatilitätsveränderungen sehr schnell an Kunden weitergeben.
All das sind, glaube ich, Faktoren, die es Kunden sehr einfach machen, unsere Produkte zu handeln.
Und es ist wirklich super interessant zu sehen: Wir starten eine Kooperation mit irgendeinem Broker, die ersten Kunden, die anfangen, uns zu handeln – und zwar im großen Stil – sind die, die sehr, sehr viel handeln, weil die genau wissen, worauf es ankommt. Und ja, in der Regel passt es dann auch.
Michael: Das, glaube ich, kann ich bestätigen. Das haben wir auch gesehen, als wir euch dazu genommen haben, dass so die sehr aktiven Kunden euch entdeckt haben und sofort eure Produkte gehandelt haben.
Was verdient ihr, wenn ein Produkt ausknockt?
Michael: Du hast eben schon mal so ein bisschen was zum Emissionsprozess gesagt. Die Frage, glaube ich, was Kunden uns auch öfters stellen, ist: Wenn jetzt so ein Produkt ausknockt, verdient ihr dann daran?
Also ist quasi das Geld, das ja für den Kunden weg ist – ich meine, in der Regel kriegt er ja noch den Zehntel-Cent zurück – quasi euer Verdienst? Das, was beim Kunden ausknockt?
Marcel Langer: Nein, das ist es nicht. Ich hatte es vorhin schon mal leicht angerissen.
Es ist so: Wenn ein Kunde – bleiben wir jetzt bei dem Beispiel – ein Long Open-End-Turbo auf den DAX kauft, dann werden wir im Hintergrund den DAX-Future als Absicherungsgeschäft kaufen.
Jetzt ist es so: Nehmen wir an, der Trade läuft gegen den Kunden. Dann verliert er auf dem Produkt immer weiter. Wir verlieren aber den gleichen Betrag auf dem DAX-Future, der dann auch weniger wert wird.
Jetzt ist es so: Die Papiere haben ja ein gewisses Aufgeld. Kommt es jetzt zu einem Knock-out, verliert der Kunde in der Tat das Aufgeld. Da könnte man sagen: Ja, das ist unser Profit. Ist es zum Teil auch.
Aber man darf eine Sache nicht vergessen.
Nehmen wir an, gleiches Beispiel: Der Kunde kauft einen Open-End-Turbo auf den DAX, wir kaufen den DAX-Future.
So, jetzt bewegt sich der DAX tagsüber in einer ganz normalen Range. Dann endet der Handel um zehn und über Nacht passiert irgendwas ganz, ganz Schreckliches und am nächsten Morgen eröffnet der DAX-Future zehn Prozent tiefer.
Dann ist es so: Der Kunde verliert, in Anführungszeichen, nur sein eingesetztes Kapital. Denn wenn die Knock-out-Schwelle erreicht ist, ist sein Geld weg und das war's.
Wir haben aber den DAX-Future. Der hat keine Knock-out-Schwelle. Wenn wir den DAX-Future erst zehn Prozent tiefer verkaufen können, und das ist ein völlig reales Szenario – wir meisten werden uns wahrscheinlich noch an Wirecard erinnern, da gab es solche Fälle zum Beispiel.
Wenn wir aber den DAX-Future erst zehn Prozent tiefer verkaufen, dann verlieren wir nicht nur das, was der Kunde verloren hat bis zum Knock-out, sondern wir verlieren auch noch mehr, nämlich die ganze Strecke quasi vom Knock-out-Punkt bis dahin, wo wir unser Hedge auflösen können.
Das heißt: Dieses Aufgeld, was wir unter Umständen bei einem Knock-out vereinnahmen, ist nichts anderes als eine Risikoprämie.
Und da muss man auch sagen: Auch solche sogenannten Crash-Risiken werden auch im professionellen Markt gehandelt, in der Regel zu deutlich höheren Preisen, als dass das Aufgeld unserer Open-End-Turbos beispielsweise widerspiegelt.
Tim: Interessant. Das ist also zum Beispiel auch einer der Mythen, dass Emittenten sozusagen bewusst manche Produkte ausknocken lassen.
Wie verdient ein Emittent Geld?
Tim: Aber dem ist ja nicht so. Ich meine, auch das haben wir ja schon verstanden, dass sozusagen die Produkte auf eurer Seite alle gehedgt sind.
Dann drängt sich so ein bisschen natürlich die Frage auf, wie ein Emittent Geld verdient.
Ich glaube, das ist natürlich zum einen der Spread. Wobei du da ja auch schon gesagt hast, dass das aufgrund des hohen Wettbewerbs natürlich auch, ich sag mal, ein Cent ist ja fast durchgängig.
Klar, es gibt auch mal Ausnahmen, wenn die Vola ein bisschen anders ist. Dann habt ihr natürlich das Aufgeld, was aber auf der anderen Seite ja eure Risikoprämie ist.
Gibt es noch andere Faktoren, die da für euch eine Rolle spielen? Wo du sagst, da habt ihr eine Marge, vielleicht auch mit einem gewissen Risiko?
Marcel Langer: Ja, also Spread ist – der absolute Spread ist gering, da gebe ich dir recht. Aber natürlich: Wenn du viele, viele, viele Tausend Trades am Tag hast, macht das schon was aus.
Natürlich ist es das Aufgeld, zum Teil völlig richtig.
Last but not least: Was du halt noch hast, sind die sogenannten Finanzierungskosten.
Bei Open-End-Produkten, wir passen ja beispielsweise bei Open-End-Turbos oder bei Faktorzertifikaten quasi jeden Tag den Basispreis an.
Weil wir ja nicht wissen: Wie lange läuft das Produkt? Wir können das nicht von vornherein ins Produkt reinpreisen, sondern wir müssen im Grunde jeden Tag den Strike anpassen, um eben diese Finanzierungskosten im Produkt abzubilden.
Das ist sicherlich auch eine Einnahmequelle.
Da muss man aber auch sagen: Wir sind sehr aggressiv, was diese Finanzierungskosten angeht. Da gibt es viele Emittenten, die höhere Kosten vereinnahmen.
Aber ja, das ist definitiv eine Einkommensquelle für Emittenten von Zertifikaten.
Tim: Gut, auf der anderen Seite stellt ihr das Geld ja auch zur Verfügung. Ich meine, ist ja überall so: Ein Kredit kostet ja auch Geld.
Und wenn man da aber weiß, dass ihr da sehr aggressiv unterwegs seid, dann ist das, glaube ich, auch ein Punkt, warum Kunden eure Produkte so schätzen.
Wie hat sich die Emittentenbonität seit der Lehman-Pleite verändert?
Tim: Vielleicht noch ein Schwenk in die Vergangenheit. Letzte Woche Donnerstag oder Freitag hat sich ja vor 15 Jahren die Lehman-Pleite gejährt.
Würdest du sagen, dass der Markt sich ins Positive verändert hat? Also gab es fundamentale Änderungen seit der Pleite oder wie würdest du das einschätzen?
Marcel Langer: Also es gab fundamentale Änderungen. Da bin ich mir nicht so sicher.
Ich glaube, dieses Thema Emittentenbonität, wo ich am Anfang, glaube ich, auch schon mal kurz drauf eingegangen bin, ist mittlerweile in aller Leute Köpfen drin.
Also das kann man auch noch mal ganz explizit sagen: Wer ein Zertifikat kauft, der kauft eine Schuldverschreibung des Emittenten.
Und wenn dieser Emittent, aus welchen Gründen auch immer, zahlungsunfähig ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr, sehr hoch, dass ich mein komplettes eingesetztes Kapital verliere. Punkt.
Das war, glaube ich, vor Lehman vielen Leuten noch nicht klar.
Und ich glaube, viele Leute konnten sich auch nicht vorstellen, dass eine große, international tätige Bank einfach von heute auf morgen verschwindet.
Ich glaube auch, dass die Aufklärung sehr, sehr viel umfangreicher und besser geworden ist.
Natürlich hat sich auch die Regulierung entsprechend geändert. Es gibt diese Key Information Documents, diese KIDs, wo die Produkte sehr standardisiert zusammengefasst werden, wo grundsätzlich auf das Emittentenrisiko eingegangen wird.
Ich glaube, da hat sich einiges verändert.
Das Wichtigste meiner Meinung nach ist aber, glaube ich, die Tatsache, dass dieses Thema der Emittentenbonität im Kopf der Berater und der Kunden angekommen ist.
Jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen: Ist die Emittentenbonität genauso wichtig bei einem Turbo, den ich fünf Minuten halte, als bei einem Investmentprodukt, was ich vielleicht zwei oder drei Jahre lang halte?
Da muss sich jeder selber die Frage stellen, ob das so ist.
Aber ich glaube, das Thema Emittentenbonität ist angekommen. Da mache ich mir eigentlich keine Sorgen.
Michael: Ja, das würde ich auch sagen.
Und ich glaube, am Ende ist auch das ganze Thema Aufklärung – du hast es vorhin auch schon gesagt – dass man auf eurer Website ja Informationen zu dem Produkt bekommt.
Also ich glaube, diese gesamte Informationsfülle in Gänze ist deutlich besser geworden und das ist eigentlich, glaube ich, für den Markt dann das positive Fazit, was man ziehen kann.
Tim: Dass einfach die Leute aufgeklärter sind, die Produkte, glaube ich, auch in Summe deutlich attraktiver geworden sind, mehr Liquidität da ist und das Emittentenrisiko eben jetzt in jedem Kopf ist.
Und dann kann ja jeder am Ende selbst entscheiden: Kaufe ich so ein Produkt oder kaufe ich das nicht? Und bei welchem Emittenten kaufe ich das?
Marcel Langer: Ja, das ist doch eine gute Sache.
Ausblick auf die Zukunft von J.P. Morgan
Michael: Das ist eigentlich auch eine gute Ausgangsbasis für die Frage für den Blick in die Glaskugel, in die Zukunft.
Ich weiß nicht, ob du dazu etwas sagen möchtest, aber habt ihr vielleicht auch noch Pläne, euer Angebot noch auszuweiten?
Marcel Langer: Ja, definitiv.
Unser Ziel ist es, Vollsortimentanbieter zu werden.
Da haben wir jetzt in den letzten vier, fünf Jahren schon vieles erledigt.
Was uns noch fehlt – wenn du mich jetzt spontan fragst – sind Aktienanleihen, die wir bisher noch nicht anbieten, mit oder ohne Barriere. Das befindet sich jetzt gerade so in den letzten Zügen.
Wir sind immer sehr, sehr vorsichtig, wenn es darum geht, neue Produkttypen anzubieten.
Also wir testen extrem viel. Wir testen erst in einer Testumgebung, dann testen wir in der Live-Umgebung. Also das dauert bei uns sehr, sehr lange.
Es macht aber auch Sinn. Ich hatte das vorhin erwähnt: Unser Prozess ist völlig automatisiert. Da willst du um jeden Preis vermeiden, dass irgendwo ein Fehler in der Kette ist.
Also ich gehe davon aus, es wird jetzt nicht mehr allzu lange dauern, bis wir auch anfangen, Aktienanleihen anzubieten.
Was wir uns dann auch noch angucken, sind Index- bzw. Themenzertifikate. Das ist mit Sicherheit auch eine schöne Ergänzung für die Produktpalette.
Und dann gibt es noch so ein paar Payoffs, die so ein kleines Nischendasein führen, die wir aber vielleicht ganz interessant finden und die wir uns auch dann angucken werden.
Aber der nächste große Schritt für uns wird sein, dass wir Aktienanleihen anbieten. Und das wird hoffentlich nicht mehr ganz so lange dauern.
Michael: Cool. Ich glaube, das ist doch eigentlich auch ein schönes Schlusswort, um die Runde hier zu beenden.
Das hat mir sehr viel Spaß gemacht – das erste Mal live und nicht remote. Vielen Dank, dass du da warst.
Marcel Langer: Danke für die Einladung. War cool.
Tim: Danke, Marcel.
justTRADE. So einfach geht Investieren.

Dieser Beitrag dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Kapitalanlagen unterliegen Wertschwankungen und allgemeinen Kapitalmarktrisiken. Der Wert einer Anlage kann steigen oder fallen; Verluste bis hin zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals sind möglich.