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Börsentalk #25 - Prof. Dr. Holger Graf (Goldgraf) über Zinsen und den Einfluss auf den Kapitalmarkt

In der 25. Folge sprechen wir mit Prof. Dr. Holger Graf aka der “Goldgraf” über Zinsen. Der “Goldgraf” ist durch sein Instagram-Profil bekannt geworden, wo er einer breiten Fangemeinde die Finanzmärkte und das aktuelle Geschehen an diesen mit einer Prise Humor erklärt.

Grund genug für uns, mit ihm über das komplexe Thema Zinsen und deren Einfluss auf die Kapitalmärkte zu sprechen. Dabei betrachten wir den schnellsten Zinsanstieg der Geschichte und sprechen auch darüber, ob es in der Vergangenheit vergleichbare Ereignisse gab und ob die Zinsen in diesem Jahr wieder sinken werden.

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Wir freuen uns dich auf der Invest an unserem Stand 4C55 begrüßen zu dürfen.

Wenn du möchtest, dass deine Frage in einer der nächsten Folgen beantwortet wird, schicke uns eine E-Mail an: podcast(at)justtrade.com

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Michael: Ja, guten Morgen, Tim. Wir haben Folge 25 unseres Börsentalks heute wieder mit einem spannenden Gast. Ich meine, wir reden ja so ein bisschen heute über Zinsen und da haben wir uns wissenschaftlichen Beistand in Form eines Professors geholt. Wen haben wir denn heute genau?

Tim: Wir haben den lieben Professor Goldgraf von Instagram eingeladen, um genau über das große Thema zu sprechen, was in der Vergangenheit allgegenwärtig war: die Zinsen. Der schnellste Zinsanstieg in der Geschichte und auch einfach mit ihm so ein bisschen darüber zu sprechen, was passiert jetzt eigentlich, wenn sich die Zinsen ändern? Worauf muss man sich einstellen? Ob es vielleicht auch schon ähnliche Vorkommnisse in der Geschichte gab.

Wir haben den Holger aber nicht nur hier bei uns im Podcast, sondern auch am Freitag, den 26.04., um 16:30 Uhr auf der Invest. Das hatten wir in der letzten Folge schon erwähnt. Wir sind nämlich auch auf der Invest und da macht der liebe Holger auch mit uns beziehungsweise macht eine Signierstunde.

Für alle, die Interesse haben: Kommt gerne bei uns am Stand vorbei. Dann habt ihr die Möglichkeit, ein Buch von ihm signiert zu bekommen. Nichtsdestotrotz starten wir jetzt direkt erstmal rein in den Podcast.

Michael: Hallo und herzlich willkommen beim Börsentalk, dem justTRADE-Podcast, deinem Podcast für mehr Hintergrundwissen zum Thema Börse und Online-Broker. Es begrüßen dich deine Hosts Michael Busshaus und Tim Seifert.

Bevor es gleich losgeht, hier noch ein kurzer Disclaimer: Die bereitgestellten Inhalte in diesem Podcast dienen nur der Information, stellen keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar und sind weder als Angebot noch als Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Kryptowerten zu verstehen.

Zu Gast: Holger Graf alias Goldgraf

Michael: Ja, guten Morgen, Holger, aka Goldgraf. Vielleicht stellst du dich einmal ganz kurz vor: Was machst du so und was fährst du für ein Auto?

Holger: Einen wunderschönen guten Tag auch von meiner Seite. Vielen Dank auch für die nette Kurzvorstellung schon. Im echten Leben heiße ich leider nicht Goldgraf. So viel Glück hatte ich bei meinen Eltern und bei meiner Ehefrau nicht. Ich heiße Holger Graf, ursprünglich mal Fink geboren, und bin im Hauptberuf konservativer Beamter im wunderschönen Süddeutschland, nämlich, um ganz konkret zu sagen, Hochschulprofessor für Finanzmanagement.

Und nebenbei betreibe ich so einen kleinen Instagram-Kanal und habe noch das eine oder andere Social-Media-Auftreten. Ich interessiere mich sehr für Finanzmärkte.

Welches Auto ich fahre, da muss ich jetzt leider zugeben: Leider keinen Lambo. Weil es gibt einen Grund. Ich bin ja an der Hochschule für Umwelt und Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Umwelt eigentlich, aber wir haben uns Nachhaltigkeit sozusagen auch verschrieben. Und aus Gründen des Klimawandels macht es einfach mehr Sinn, regionale Produkte wie einen Porsche zu kaufen.

Michael: Okay, das ist ein Argument. Das passt. Wir reden ja heute ein bisschen über Zinsen und da vielleicht mal vorab die Frage an dich: Bist du eher der Typ Tagesgeld oder bist du der Typ Kapitalmarkt? Oder ergänzend gefragt: Was hältst du von Geldmarkt-ETFs?

Was hältst du vom Geldmarkt?

Holger: Also ich bin selber der Typ Girokonto x überzogen, weil die letzte Reserve zum Investieren genutzt worden ist. Ich habe auch keinen Notgroschen im klassischen Sinne. Das liegt aber sicherlich auch ein bisschen an meinem Job, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein Gehalt mal einen Monat lang nicht bekomme, im Wesentlichen das Kreditrisiko von Baden-Württemberg ist. Und so schlimm ist es, glaube ich, im Moment noch nicht.

Die Frage, was ich vom Geldmarkt halte, war ja noch mit dabei. Genau. Ich bin da ehrlich gesagt ein bisschen skeptisch.

Auf der einen Seite kann man ja, wenn man jetzt kurzfristig Geld anlegen möchte, im Zweifelsfall auch durch Tagesgeld-Hopping sicherlich nicht ganz die Geldmarktzinsen erzielen, aber man kommt vielleicht ein Ticken daran und hat den ganzen administrativen Aufwand, sage ich mal, nicht.

Klar, man muss ein Konto eröffnen et cetera. Das ist schon ein bisschen Aufwand. Aber wenn ich es jetzt vergleiche mit: Ich kaufe dann so einen Geldmarkt-ETF, habe da vielleicht auch noch Transaktionsgebühren dabei, wenn ich jetzt bei einem traditionellen Broker bin, der mich dann irgendwie noch 10 oder 20 Euro da zahlen lässt, dementsprechend bin ich selber immer der Fan von: Wenn es den irgendwo kurzfristig Liquidität zu parken gibt, dann entweder am Tagesgeldkonto oder vielleicht gleich in ganz absurden Sachen wie Katastrophenanleihen oder dergleichen.

Tim: Wie wir alle wissen, bist du ja auch Professor, also Lehrbeauftragter an einer Universität. Deswegen auch noch mal eine kleine Frage hinsichtlich dessen, welche Zinssätze es eigentlich gibt, die für den Kapitalmarkt relevant sind. Wer hat eigentlich Einfluss auf die Zinssätze und wer beschließt überhaupt die Zinsänderung?

Wie hängen Zinssätze mit dem Kapitalmarkt zusammen?

Holger: Das ist ja fast schon eine ganz philosophische Frage, die da im Hintergrund drinsteckt. Ich würde mal pauschal antworten: Man hat auf der einen Seite kurzfristige Zinsen, dann hat man längerfristige Zinsen. Das ist natürlich eine extreme Vereinfachung, aber so kann man sich das vielleicht ganz gut vorstellen.

Wenn ich mir jetzt Frau Wächter, also Frau Lagarde in Frankfurt, angucke: Was macht die so? Die legt im Prinzip die kurzfristigen Zinsen fest. Bei der EZB sind es drei verschiedene, um das Ganze noch komplexer zu machen.

Und wer da jetzt der wichtigere ist? Lehrbücher würden wahrscheinlich sagen, der Hauptrefinanzierungssatz. Die Praxis der letzten Jahre sagt eigentlich, die Deposit Rate ist die wichtigere. Aber das sind alles kurzfristige Zinsen, ohne jetzt da auf den Unterschied einzugehen.

Dann gibt es eben noch die längerfristigen Zinsen. Die orientieren sich jetzt, oder als Maß nimmt man eben oftmals zum Beispiel die Verzinsung, den Yield von Staatsanleihen her.

Also wenn ich sage: Was sind die zehnjährigen Zinsen? Dann könnten wir zum Beispiel einfach angucken, was so eine durchschnittliche zehnjährige deutsche Staatsanleihe abwirft, und dann sagen: Das ist jetzt mein Maß für die zehnjährigen Zinsen.

Die EZB legt im Prinzip die kurzfristigen fest und kann durch Anleihekäufe oder dergleichen die längerfristigen auch versuchen zu beeinflussen. Aber da hat sie keinen direkten Einfluss drauf, wenn sie nicht so etwas mal machen will wie die Japaner mit Zinskurvenkontrolle.

Ich würde aber sagen, die längerfristigen sind eigentlich die interessanteren. Das sind im Zweifelsfall die, die für die Diskontierung benutzt werden, wenn ich mir den fairen Wert von Unternehmen beispielsweise ausrechnen will.

Oder auch wenn ich ein Haus finanzieren möchte, dann spielt im Zweifelsfall die zehnjährige Rendite auf die deutsche Staatsanleihe eine größere Rolle als das, was die EZB dann an irgendeinem Donnerstag macht.

Tim: Okay, und dann natürlich auch die Frage: Wie hängen jetzt eigentlich diese Zinssätze mit dem Kapitalmarkt zusammen? Also wie sehr beeinflussen eigentlich die Zinssatzänderungen die Kapitalmärkte, speziell im Hinblick dann auch auf Aktien?

Holger: Wenn man das so einfach sagen könnte, dann hätte man die letzten zwei Jahre sicherlich deutlich bessere Performances teilweise erzielen können als der Markt.

Das generelle Problem ist: Sagen wir mal, im Lehrbuch würde man sagen, der faire Wert eines Unternehmens ist nichts anderes als die diskontierten zukünftigen Cashflows, die auf heute abgezinst und zusammengezählt dann pro Aktie runtergerechnet werden. Das ist dann der faire Wert.

Und für diese Diskontierung spielen natürlich die längerfristigen Zinsen eine deutliche Rolle. Dann könnte man sagen: In der Theorie, Zinsen steigen, die längerfristigen fallen, Aktienmärkte. Wenn die Zinsen fallen, dann steigen Aktienmärkte.

Im Jahr 2022, als man quasi diesen Zinserhöhungsschock gehabt hat und dann auch in den Bärenmarkt gerutscht ist, da hat man das eigentlich ganz gut gesehen. Zinsen sind hoch, sowohl die kurzfristigen als auch die langfristigen, Aktienmärkte sind runter.

Dann gab es aber irgendwann so ein Decoupling. Das kann man im Prinzip zurückverfolgen auf die Pleite der Silicon Valley Bank. Damals, ohne jetzt da im Detail drauf einzugehen: Zinsen sind weiter gestiegen, aber Aktienmärkte auch.

Und wenn ich mir einfach dieses Jahr nehme, 2024, dann wissen wir – ich weiß gar nicht genau, wann dieser Podcast veröffentlicht wird –, aber wir sind so ganz rough 10 Prozent im Plus im breiten Aktienmarkt.

Wir haben aber das Jahr gestartet mit der Erwartung und teilweise auch dem Einpreisen von sieben Zinssenkungen durch die Federal Reserve. Und jetzt sind wir bei knapp zwei. Manche Banken sagen sogar: nur noch eine, und die dann im Dezember.

Wir haben im Prinzip die tieferen Zinsen, die Erwartung von tieferen Zinsen, mehr und mehr ausgepreist, aber der Markt ist trotzdem gestiegen, was jetzt gegen diese Lehrbuchtheorie ein bisschen sprechen würde.

Wo befinden wir uns aktuell?

Tim: Du hast eben gesagt: 2022 dieser Zinsschock. Da sind ja auch, ich sag mal, relativ schnell insbesondere in den USA und bei uns auch in Europa die Zinsen irgendwie angestiegen auf doch wieder deutlich höhere Zinsen.

Auch wenn ich jetzt überlege: Wenn mein Vater immer erzählt, dass er früher mal irgendwie 12 Prozent Darlehenszinsen fürs Haus bezahlt hat, sind wir natürlich noch ein bisschen davon weg.

Aber wie würdest du sagen: Wo befinden wir uns aktuell? Sind wir eher sozusagen schon oben auf dem Berg und die Zinsen gehen tendenziell dann wirklich wieder runter? Oder ist das jetzt – kann man das so noch gar nicht sagen?

Holger: Weil am Ende du sagst, dass eigentlich diese Zinsänderungen eingepreist sind, aber so richtig kommen sie ja nicht. Ich glaube, auf der einen Seite muss man wahrscheinlich differenzieren zwischen der Eurozone und den USA.

Die Eurozone: Wenn man die letzte EZB-Sitzung anschaut, hat sich Frau Lagarde schon relativ stark committed für eine Zinssenkung im Juni. Es gibt wohl auch ein paar, die in der Fachsprache immer Doves oder Tauben genannt werden, die sogar für eine zweite Zinssenkung im Juli jetzt schon kämpfen.

Da gibt es, denke ich, Argumente dafür. Man kann sagen: Okay, gut, die wirtschaftliche Lage zum Beispiel sieht nicht mehr allzu rosig aus und die könnte sich auf die Inflation durchschlagen.

Man muss da ein bisschen aufpassen, weil eigentlich hat die Fed nur ein Ziel, nämlich Preisstabilität, also ihre Inflation von um die zwei Prozent, seitdem man das ein bisschen angepasst hat.

Dementsprechend kann man eigentlich schwierig mit der wirtschaftlichen Lage argumentieren, wenn Inflation weiter hoch ist.

Und das Problem in den USA ist eigentlich sogar noch dramatischer. Das sieht man nämlich eigentlich sogar daran, dass bestimmte Inflationsphasen, den Supercore, wie ihn die Fed gerne nennt, wieder anspringen. Die teilweise seit dem letzten Monat um die sieben bis acht Prozent annualisieren.

Also Inflationsraten, die eigentlich keine Zinssenkung rechtfertigen. Dementsprechend hat der Markt auch begonnen, die ein bisschen auszupreisen.

Es ist aber nicht so ganz sicher, ob die Fed sich dann wirklich daran halten wird. Denn böse Zungen würden sagen: Der Fed-Chef Joe Biden, der eigentlich der US-Präsident ist, hat in einem Interview vor Kurzem gesagt, er rechnet fest mit der Zinssenkung. Die verschiebt sich maximal einen Monat von Juli dann indirekt auf Juli, weil er natürlich sich im Wahlkampf befindet und eine Zinssenkung immer ganz gut ankommt.

Um das aber noch abzuschließen: Die Fed hat zwei Ziele, Inflation und Vollbeschäftigung. Die könnte natürlich bei einem sich verlangsamenden Arbeitsmarkt argumentieren: Wir haben zwar weiterhin hohe Inflationsraten, aber wir haben diese beiden Ziele und deswegen müssen wir vielleicht doch ein bisschen senken.

Ich würde mal sagen, letzter Satz: Der Pfad ist vermutlich der von langsamen Senkungen. Es gibt einen realistischen Case, dass vielleicht diese Senkungen verschoben werden, dass Zinsen erstmal konstant bleiben.

Wenn man die kurzfristigen anschaut, die Hürde, dass diese Zinsen jetzt doch noch mal erhöht werden, die Hürde ist, glaube ich, sehr, sehr, sehr, sehr hoch. Ganz ausschließen kann man es nicht. Jamie Dimon von JPMorgan malt ja manchmal das Schreckgespenst an die Wand von – ich weiß gar nicht, welche Zahl er sich diesmal ausgedacht hat – auf jeden Fall, dass Zinsen vielleicht doch noch viel, viel weiter steigen.

Was JPMorgan super findet. Wer spricht da ganz uneigennützig, der gute Mann.

Aber die Hürde, weitere Zinserhöhungen zu sehen, ist vermutlich sehr, sehr, sehr, sehr hoch. Da muss einiges passieren.

USA vs. Europa

Tim: Wir haben ja in Europa auch das Thema: Die USA ist ja ein Land mit einer Wirtschaft mehr oder weniger. Und wir haben in Europa einfach total verschiedene Länder mit, ich sag mal, zum Beispiel auch verschiedenen Inflationsraten.

Das heißt, dass es natürlich auch für eine EZB, sagen wir mal, viel komplexer ist, so eine Entscheidung auf Zinssenkung oder Beibehalten zu treffen. Einfach weil die Interessen oder die verschiedenen Faktoren abgewogen werden müssen.

Was passiert dann eigentlich, wenn die Länder so unterschiedlich sind?

Holger: Da könnte man natürlich jetzt böswillig so dagegenhalten und sagen: Die USA sind ja auch eigentlich sehr heterogen. Ob ich mal jetzt irgendwie Kalifornien anschaue oder das hinterste Kaff, ist ja wirtschaftlich doch auch noch mal ein Unterschied.

Aber natürlich als ein gemeinsamer Bundesstaat ist es da selbstverständlich etwas leichter, entsprechende Entscheidungen zu treffen.

Historische Vergleiche

Tim: Siehst du irgendwie aus der Vergangenheit Vergleiche? Also könnte man sagen, das war vor, weiß ich nicht, 30, 40 Jahren schon mal ähnlich und da ist das und das passiert? Oder kann man sagen, die Situation, die wir jetzt haben, ist noch nicht so vorgekommen in der Vergangenheit?

Holger: Da gibt es ja immer diesen schönen Vergleich. Wer will Jerome Powell in seinen Memoiren oder in seinem Rückblick irgendwann sein? Er möchte ein A verbrennen sein oder möchte er Punkt, Punkt, Punkt.

Also entsprechende historische Vergleiche, wo man sagen kann: Okay, gut, hier wurden vielleicht Zinsen zu spät erhöht oder Zinsen zu früh gesenkt, dann gab es eine zweite Inflationswelle und auf so etwas könnten wir zusteuern.

Solche Vergleiche kenne ich natürlich. Ich finde die aber ein bisschen schwierig immer, weil sich natürlich die Rahmenbedingungen über so viele Jahre immer massiv verändern.

Und dann entsprechend zu sagen: Wir haben damals ein Muster gesehen in einem winzigen Teilbereich der Ökonomie und dieses Muster wiederholt sich vielleicht – kann sein. Aber es ist, glaube ich, relativ schwierig, da solche Vergleiche anzustellen.

Auch wenn die sich natürlich für Zeitungsartikel oder so immer sehr, sehr gut anbieten.

Tim: Dann vielleicht jetzt noch eine Frage hinsichtlich des Blicks in die Glaskugel. Wie könnte es denn jetzt weitergehen? Was ist jetzt deine persönliche Meinung? Also wenn du jetzt zum Beispiel auch Chef der EZB wärst: Was würdest du uns mitgeben? Wie geht's weiter?

Holger: Also ich glaube, ich kann kein Chef der EZB werden, weil ich kein verurteilter Straftäter bin. Aber zumindest noch nicht. Vielleicht gibt es ja noch die Möglichkeit, das lässt sich ja ganz schnell ändern.

Tim: Das lässt sich noch ändern, stimmt.

Holger: Ich bin leider kein Franzose und solange Frau von der Leyen irgendwie an der Spitze der EU-Kommission steht, ist es relativ unwahrscheinlich, dass ein Deutscher EZB-Chef wird.

Tim: Sorry, was war die Frage noch mal? Jetzt habe ich mich in dem Schabernack verloren.

Holger: Wie Philip Amthor sagen würde: genug Schabernack.

Wird die EZB Zinsen senken?

Tim: Die Frage ist einfach der Blick in die Glaskugel. Also wie denkst du, wie geht es weiter mit den Zinsen? Was ist da deine persönliche Einschätzung?

Holger: Also ich glaube, dass das passieren wird, was Frau Lagarde angedeutet hat. Sie wird Zinsen senken im Juni, vielleicht auch im Juli.

Die Fed wird das erstmal versuchen, so ein bisschen rauszuschieben. Kommt dann auch in so eine blöde Situation, kurz vor der Wahl Zinsen zu senken. Das kann dir dann den Vorwurf einbringen, dass du quasi irgendeiner Regierungspartei oder Oppositionspartei helfen möchtest.

Es kann im Nachhinein auch Ärger geben. Zum Beispiel den polnischen Notenbanker, den wollen sie jetzt absägen, weil er Zinsen kurz vor der Wahl gesenkt hat. Ich glaube, das möchte Powell sicherlich vermeiden.

Dementsprechend glaube ich, dass es so zu einer kleineren Divergenz kommt, dass die EZB schneller senkt, als das die Fed tut.

Ob es dann wirklich irgendwie auf das hinausläuft, weiß natürlich kein Mensch. Und wer wäre unseriös, mich da jetzt auch festzulegen? Aber ich würde mal sagen, für diesen Case gibt's wahrscheinlich schon gute Argumente, dass es dahingehend läuft.

Tim: Natürlich jetzt auch die Frage hinsichtlich der Anleger: Wie sollten Anleger ihre Strategie komplett ändern, wenn die Zinsen jetzt wieder sukzessive gesenkt werden? Oder wie sollten Anleger sich dahingehend verhalten?

Holger: Ich meine, Empfehlungen darf ich sicherlich nicht geben, sonst kriege ich einen bösen Brief. Aber generell würde ich aufpassen, meine Strategie an so etwas so extrem festzumachen.

Hat der Markt die Zinssenkungen schon eingepreist?

Holger: Weil das Problem ist ja: Wenn es jetzt dazu kommt, was wir gerade gesagt haben, dann ist es relativ obvious und der Markt hat es zu großen Teilen sicherlich auch schon eingepreist.

So kann man übrigens auch argumentieren, dass dem Markt, insbesondere den Tech-Aktien, die eigentlich weiter hohen Zinsen egal zu sein scheinen, weil er davon ausgeht, dass sie sowieso irgendwann gesenkt werden.

Und dann willst du natürlich im Sinne von sogenannten High-Duration-Assets drin sein. Also alles, was die Gewinne möglichst weit in der Zukunft hat. Cathie Wood, ETFs oder so, ist dann natürlich irgendwie das, was sehr gut performt.

Aber das hat es ja jetzt schon in der Vergangenheit. Also diese Assetklassen haben dann teilweise schon diese erwarteten Zinssenkungen eingepreist.

Dementsprechend würde ich sagen: Ich finde es interessant, so etwas zu beobachten, eigene Prognosen zu treffen, die Prognosen von anderen Leuten durchzulesen. Aber basierend auf so etwas jetzt allein meine Anlageentscheidung zu treffen, halte ich für falsch.

Tim: Okay. Und dann vielleicht noch eine abschließende Frage: Du sprichst ja immer davon, dass der Markt das eingepreist hat. Woher weißt du das denn? Also fragst du immer dann den Markt oder rechnest du dann gewisse Szenarien durch? Woher weißt du, ob der Markt genau diese Information schon eingepreist hat?

Kann man Zinserwartungen am Markt ablesen?

Holger: Nachts, wenn ich im Bett liege und zum Markt spreche, antwortet er manchmal, wenn ich ganz fest an ihn glaube.

Nein, also man kann es tatsächlich ablesen. Es gibt zum Beispiel auf den US-Leitzins, die Federal Funds Rate, Futures drauf. Also im Wesentlichen Finanzkontrakte.

Oder noch viel einfacher: Es sind im Wesentlichen Wetten, wo der Leitzins zu bestimmten Terminen steht. Und anhand dieser Wettquoten kannst du dir quasi ablesen, was der Markt erwartet.

Das ist ähnlich – im Fußball kenne ich es überhaupt nicht aus –, aber wenn du dir irgendwie Wettquoten anguckst und sagst: Gut, das ist relativ offensichtlich, dass irgendwie diese eine Mannschaft hier gewinnt. Da steckt eine implizite Gewinnwahrscheinlichkeit von 99 Prozent drin, zum Beispiel.

Dann könnte man sagen: Okay, gut, der Markt preist quasi den Sieg dieser Mannschaft ein. Genauso läuft es mit diesen Federal Funds Futures.

Tim: Gut, dann haben wir das ja auch einmal abschließend geklärt.

Dann schon mal vielen Dank, dass du bei uns zu Gast warst in unserem Podcast. Aber es sei natürlich noch mal der Hinweis erlaubt: Du bist nicht nur bei uns im Podcast zu Gast, sondern du bist auch mit uns gemeinsam bei unserem Stand auf der Invest und signierst da auch dein neues Buch.

Vielleicht magst du dazu auch noch kurz was sagen.

Holger Graf auf der Invest und sein neues Buch

Holger: Genau. Vielen, vielen Dank erstmal überhaupt für die Möglichkeit, die ihr mir dazu gebt, mein Pamphlet auf der Invest mit eurem Messestand in Verbindung zu bringen.

Ich habe ein Finanzbuch geschrieben über fast eineinhalb Jahre. Das trägt den Titel „Wen Lambo? Ein ehemaliger Goldman-Sachs-Banker erklärt die Finanzwelt“.

Es ist zwar etwas humoristisch und satirisch geschrieben, versucht aber tatsächlich auf seriöse Art und Weise und auch auf sehr einfache Art und Weise ein bisschen die Funktionswelt der Finanzwelt zu erklären.

Was machen die Notenbanken? Wie entsteht Inflation? Was sind Family Offices, Hedgefonds et cetera?

Das ist weniger ein Buch, das sagt, wie du anlegen sollst, sondern eher eines, wenn sich jemand ein bisschen für die Funktionsweise der Märkte interessiert.

Und da haben wir als kleine Special-Aktion, glaube ich, gesagt – das war bei euch am Stand, wenn ich mich richtig täusche, am Freitag um 16:30 Uhr oder so –, eine kleine Signierstunde zu machen.

Wenn jemand sich noch ein Exemplar diesbezüglich sichern möchte, dann kann man da vorbeikommen.

Was man natürlich sagen muss – welche Warnung muss ich aussprechen? –: Die Stückzahl der Objekte, die wir da verteilen, ist hochlimitiert. Das heißt, das Prinzip der Verknappung gilt auch hier.

Und wer sich eins abstauben möchte, sollte halbwegs pünktlich, sage ich mal, vorbeischauen.

Tim: Alles klar. Dann würde ich sagen, schließen wir damit die Runde. Vielen Dank, dass du bei uns zu Gast warst, Holger, und bis zum nächsten Mal.

Holger: Ciao, ciao. Bis zur Invest und zum nächsten Mal.

Tim: Bis dann. Tschüss.

Holger: Ciao.

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Dieser Beitrag dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Kapitalanlagen unterliegen Wertschwankungen und allgemeinen Kapitalmarktrisiken. Der Wert einer Anlage kann steigen oder fallen; Verluste bis hin zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals sind möglich.