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Börsentalk #5 - Bezugsrechte, PLATOW über Bayer Spin-Off, Deutsche Telekom vs. Amazon und deutsche Autowerte

In der fünften Folge sprechen wir über Bezugsrechte. Ein Thema, mit dem jeder Aktionär früher oder später konfrontiert wird. Doch was sind eigentlich Bezugsrechte und was sollten Aktionäre bei Bezugsrechten beachten?

Wenn du möchtest, dass deine Frage in einer der nächsten Folgen beantwortet wird, schicke uns eine E-Mail an: podcast(at)justtrade.com

In der Rubrik justTRADE Marktnews kommentiert Jorg Schirmacher von PLATOW unsere meistgehandelten Aktien im Juni. Jorg erläutert unter anderem, was er von einer möglichen Abspaltung der Agrochemie-Sparte von Bayer hält und ob Amazons Mobilfunk-Pläne zu einem Problem für die Deutsche Telekom werden könnten. Außerdem schätzt er für unsere Zuhörer die aktuelle Lage der deutschen Autowerte Mercedes Benz, BMW und VW ein.

Darüber hinaus hat Jorg noch zwei Aktien mitgebracht, die bei PLATOW Börse genauer analysiert werden: Elmos Semiconductor und Gerresheimer.

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Tim: Ja, guten Morgen, Tim. Wo erwische ich dich denn heute?

Michael: Also, ich bin in Frankfurt. Wo bist du denn?

Tim: Hi Michael, grüß dich. Ja, ich bin wieder in Oberursel im Homeoffice.

Michael: Okay, also wir sind ja heute in der fünften Folge. Ich glaube, wir haben auch diesmal wieder spannende Themen. Zum einen wollen wir uns in dieser Folge mal dem Thema Bezugsrechte widmen. Und dann haben wir uns ja etwas in Bezug auf die meistgehandelten Werte im Juni überlegt.

Tim: Ja, willst du das ganz kurz mal anteasern?

Michael: Ja, sehr gerne. Da haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht. Das machen wir nämlich zusammen mit PLATOW, mit dem Geschäftsführer von PLATOW. Aber dazu später mehr. Da wird er einmal die meistgehandelten Werte unserer Kunden aus dem Juni kommentieren und dann im zweiten Part der Marktnews auch noch mal ein, zwei Werte mitbringen, die er als spannend empfindet.

Ich glaube, da sind wirklich interessante Informationen dabei, die man sonst so vielleicht auch in der Podcast-Landschaft noch nicht zu hören bekommt.

Bevor es gleich losgeht, hier noch ein kurzer Disclaimer: Die bereitgestellten Inhalte in diesem Podcast dienen nur Informationszwecken, stellen keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar und sind weder als Angebot noch als Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Kryptowährungen zu verstehen.

justTRADE Customer Stories: Bezugsrechte

Michael: Fangen wir direkt an mit Bezugsrechten. Bei unserer zweiten Rubrik, den justTRADE Customer Stories, wollen wir uns heute mit Bezugsrechten beschäftigen.

Tim: Da ist die generelle Frage einfach: Was sind denn eigentlich Bezugsrechte, Michael? Und im Zusammenhang mit Bezugsrechten fallen immer wieder die verschiedensten Begriffe, zum Beispiel Weisung oder Optionen und auch Kapitalmaßnahme. Könntest du das vielleicht für die Zuhörer einmal ganz kurz einordnen?

Michael: Ja, das mache ich gerne. In Bezug auf Bezugsrechte kommen schon relativ viele Anfragen, und zwar dann, wenn Aktiengesellschaften Bezugsrechte ausgegeben haben. Ein Beispiel war vielleicht dieses Jahr die TUI AG im März.

In der Regel ist es so, dass eine Aktiengesellschaft sich überlegt, eine Kapitalerhöhung durchzuführen. Dann werden eben Bezugsrechte ausgegeben.

Das heißt: 1:1 für seinen Aktienbestand bekommt man Bezugsrechte eingebucht und kann dann an dieser Kapitalerhöhung partizipieren.

Das Besondere ist, dass man darauf achten muss, wie das Bezugsverhältnis ist. Das ist manchmal sehr krumm. Bei TUI war das beispielsweise drei zu acht. Das heißt: Für drei Bezugsrechte konnte man acht neue Aktien bekommen.

Man muss also immer ein bisschen schauen: Wie viele Bezugsrechte habe ich eigentlich und wie viele Aktien möchte ich beziehen?

Aber vielleicht noch mal einen Schritt zurück: Als Aktionär sollte man sich natürlich laufend über seine Werte informieren. Und wenn eine Kapitalmaßnahme ansteht, sollte man sich darüber informieren und für sich überlegen: Macht das für mich Sinn oder macht das keinen Sinn?

Will ich zusätzliches Geld im Rahmen der Kapitalerhöhung bereitstellen, weil ich an die Firma glaube? Oder sage ich: Nein, ich glaube vielleicht nicht mehr daran?

Dann ist es manchmal eben auch so – wie beispielsweise bei TUI –, dass Bezugsrechte auch gehandelt werden können. Das heißt, man kann seine Bezugsrechte verkaufen und bekommt dafür einen Erlös. Mit diesem Erlös könnte man dann, wenn man das möchte, natürlich auch wieder Aktien kaufen.

Das sind so die Entscheidungen, die man als Aktionär zunächst treffen muss.

Was bedeutet eine Bezugsrechtskapitalerhöhung für Aktionäre?

Tim: Stichwort Aktionär: Was bedeutet denn eigentlich eine Bezugsrechtskapitalerhöhung für den Aktionär? Welche Auswirkungen hat das für jemanden, wenn ich jetzt zum Beispiel TUI damals in meinem Depot gehabt hätte?

Michael: Am Ende ist es so: Du hättest für deine TUI-Aktien Bezugsrechte bekommen. Nehmen wir mal das Beispiel: Du hättest 100 Aktien gehabt. Dann hättest du 100 Bezugsrechte bekommen.

Ich habe ja schon gesagt, es gab in dem Moment ein recht großes Verhältnis. Für drei Bezugsrechte hattest du das Anrecht auf acht neue Aktien. In dem Fall gab es auch noch eine Zuzahlung. Du hast also nicht einfach nur Bezugsrechte gegen neue Aktien getauscht, sondern musstest zusätzlich 5,55 Euro pro Aktie zahlen.

Wenn du jetzt sagst, du willst deinen vollen Bestand an Bezugsrechten ausüben, dann ist die Rechnung ganz einfach: 100 Bezugsrechte durch drei macht in ganzen Zahlen 33. Und 33 mal acht Stücke bedeutet, dass du für 99 Bezugsrechte 264 neue Aktien bekommen hättest.

Dafür musstest du natürlich 5,55 Euro pro Aktie zahlen.

Die Gegenrechnung wäre gewesen: Wie viel Geld bekommst du für drei Bezugsrechte, wenn du sie über die Börse verkaufst, plus die 5,55 Euro? Und ist das dann mehr oder weniger als der Wert, den die Aktie aktuell an der Börse hat?

Das ist eigentlich die Rechnung, die man machen muss.

Oftmals ist es so, dass mit Beginn einer Zeichnungs- oder Weisungsphase die Bezugsrechte noch relativ hoch im Wert sind und im Zeitablauf fallen. Das heißt, da muss man wirklich schauen: Lohnt sich die Teilnahme an der Maßnahme oder lohnt sie sich nicht?

Dann ist natürlich auch noch wichtig, dass die Maßnahmen an Fristen gebunden sind. Man muss darauf achten, dass man seine Weisung innerhalb der Weisungsfrist abgibt.

Wenn die Frist abgelaufen ist, ist die Maßnahme in der Regel bereits im System und dann gibt es auch keine Möglichkeit mehr, nachträglich eine Weisung einzureichen.

Insofern ist die erste Entscheidung eigentlich ganz einfach: Will ich teilnehmen oder will ich nicht teilnehmen?

Wenn die Bezugsrechte an der Börse gehandelt werden, kann man sie selbst über die Börse verkaufen, wenn man nicht teilnehmen möchte.

Kann man eine Teilweisung erteilen?

Tim: Gibt es denn auch die Möglichkeit, zum Beispiel zu sagen, dass man nicht eine komplette Weisung macht, sondern vielleicht eine Teilweisung?

Michael: Ja, das gibt es auch. Nehmen wir mal das Beispiel mit den 100 Aktien. Du hast 100 Bezugsrechte. Du hättest auch sagen können: Ich will nur 50 Bezugsrechte ausüben und den Rest, der dann übrig bleibt, möchte ich verkaufen.

Da ist es immer ganz wichtig, dass man zunächst die Weisung erteilt und die Weisung abwartet, bis sie bestätigt wurde. Erst wenn die Weisung bestätigt wurde, sollte man den Verkauf der übrigen Bezugsrechte vornehmen.

Das ist immer ganz wichtig, damit wirklich klar ist: Die Weisung ist auch exakt so umgesetzt worden.

Man muss außerdem darauf achten, dass das Bezugsverhältnis passt. Sonst hat man vielleicht zu viele Bezugsrechte verkauft.

Bezugsrechte bieten wir nicht an, man kann also immer nur im Rahmen seiner vorhandenen Bezugsrechte die Weisung erteilen.

Man sollte daher erst die Weisung erteilen und anschließend mit dem restlichen Bestand an Bezugsrechten entsprechend handeln.

Was sollten Aktionäre bei Bezugsrechten beachten?

Tim: Könntest du abschließend noch mal kurz zusammenfassen, was Aktionäre bei Bezugsrechten wirklich beachten müssen?

Michael: Genau. Zum einen ist das erste Thema: Will ich teilnehmen oder will ich nicht teilnehmen? Da lohnt es sich, eine kleine Rechnung aufzumachen: Lohnt sich der Bezug oder lohnt er sich nicht?

Dann muss ich schauen: Können die Bezugsrechte gehandelt werden oder nicht?

Dann ist das Thema Weisungsfrist wichtig. Ich muss darauf achten, dass ich meine Weisung innerhalb der Weisungsfrist abgebe und pünktlich einreiche.

Wenn ich eine teilweise Ausübung machen möchte, muss ich ebenfalls zunächst die Weisung erteilen und im Anschluss den Restbestand, der nicht benötigt wird, entsprechend verkaufen.

Ein Punkt ist natürlich auch noch: Wenn ich mich entschieden habe, die Weisung zu machen und es mit einer Zuzahlung verbunden ist, muss ich natürlich dafür sorgen, dass das Konto zum Zeitpunkt der Umsetzung ausreichend gedeckt ist, damit die Maßnahme auch ausgeführt werden kann.

Tim: Ja, super. Das war, glaube ich, schon wieder sehr spannend – auch für unsere Kunden, aber natürlich auch für die Zuhörer –, noch mal eine Aufklärung zum Thema Bezugsrechte zu bekommen.

Wenn auch du in Zukunft wieder eine Frage hast, die wir im Podcast in den justTRADE Customer Stories behandeln sollen, dann schreib uns doch sehr gerne an podcast(at)justtrade.com. Darüber würden wir uns sehr freuen und wir könnten deine Frage dann in einer der nächsten Folgen aufnehmen.

justTRADE Marktnews: Die meistgehandelten Werte im Juni

Michael: Kommen wir nun zu den Marktnews. Da haben wir uns heute etwas Besonderes ausgedacht.

Diesmal wollen wir die meistgehandelten Werte wieder vorstellen. Wir wollen aber einzelne Werte herauspicken und das machen wir gemeinsam mit Jörg Schirmacher von PLATOW.

Wir haben uns dabei folgendes Konzept überlegt: Im ersten Part sprechen wir über die meistgehandelten Werte. Jörg wird diese für euch einordnen. Und im zweiten Part bringt Jörg noch ein, zwei Aktien mit, die er besonders interessant findet.

Fangen wir doch direkt an. Jörg, vielleicht magst du dich einmal kurz vorstellen: Wer bist du und was macht PLATOW?

Jörg Schirmacher: Ja, guten Morgen Tim, guten Morgen Michael.

Mein Name ist Jörg Schirmacher. Ich bin Geschäftsführer des PLATOW-Verlags, eine Position, die ich im Juni dieses Jahres von meinem Vater nach über 30 Jahren übernommen habe.

Ich bin seit zwei Jahren bei PLATOW, war vorher acht Jahre in der Finanzbranche tätig, zuletzt als Analyst für Schweizer Industrieunternehmen.

Heute spreche ich als Mitglied unseres Börsenteams. Das sind insgesamt sieben Analysten, die für unsere Leser vor allem Aktien aus dem deutschen Markt, aber auch aus internationalen Märkten analysieren.

Um noch mal den Bogen zum Rest von PLATOW zu spannen: Wir haben noch ein weiteres Team von insgesamt sechs Finanzjournalisten, die im PLATOW Brief schreiben und sich dort ganz dem Finanzplatz Deutschland widmen und Hintergrundinformationen liefern, vor allem für die Finanzindustrie, beispielsweise Banken.

Ja, das war es soweit zu meiner Person und zu PLATOW. Ich möchte mich ganz herzlich bedanken, dass ich heute dabei sein darf.

Tim: Ja, sehr gerne. Ich glaube, es wird auf alle Fälle ein wirklich interessantes Interview und es lohnt sich auf alle Fälle zuzuhören, weil es mittendrin auch noch eine kleine Überraschung geben wird.

Bayer: Mögliche Abspaltung der Agrochemie-Sparte

Tim: Fangen wir direkt an mit den meistgehandelten Werten. Bei den Käufen sehen wir, dass im Juni einer der meistgehandelten Werte auf Platz fünf Bayer war.

Siehst du eigentlich Gründe dafür, dass Bayer auf Platz fünf der meistgekauften Aktien war? Oder siehst du noch andere Gründe? Gibt es weiterhin Probleme mit Monsanto, die Auswirkungen haben?

Jörg Schirmacher: Sehr konkret arbeite ich an einem Spin-off, also an einer Abspaltung der Agrochemie-Sparte. Da gab es dann auch noch mal eine starke Kursreaktion, die sehr positiv aufgenommen wurde, zumindest von der Investorenseite.

Tim: Hältst du denn einen Spin-off der Agrochemie für realistisch? Siemens Energy wäre ja das Vorbild. Das heißt, eine Teilauskehrung der Sparte an bestehende Bayer-Aktionäre.

Jörg Schirmacher: Das bringt zunächst mal eine Menge Komplexität mit sich, aber ich halte den Weg für alles andere als unrealistisch.

Das liegt vor allen Dingen auch daran, dass es durchaus Sinn machen könnte. Bayer hat ja vor allen Dingen Vertrauensprobleme. Das Vertrauen ist seit der Monsanto-Übernahme so gut wie versiegt.

Aber es ist ja nicht so, dass in Bayer kein innerer Wert schlummern würde. Ganz im Gegenteil: Die Sparten sind zumindest in den meisten Bereichen höchst attraktiv. Da schlummert also ein gewisser Wert.

Eine Aufspaltung könnte dazu führen, dass Investoren wieder genauer hinschauen. Das ist zumindest die These.

Die Bereiche Agrochemie, Pharma und Consumer Care – das sind die drei Bereiche – sind in der Theorie einzeln mehr wert als das, was die Marktkapitalisierung von Bayer momentan suggeriert.

Wenn man sich diese Segmente anschaut: Crop Science macht rund 40 Prozent des Geschäfts aus und ist absolut marktführend. Es gibt strukturellen Rückenwind.

Auch der Pharmabereich ist interessant. Der neue CEO war vorher bei Roche. In verschiedenen Bereichen ist Bayer marktführend, hat exzellente Margen und eine Produktpipeline, die in der Vergangenheit – auch aufgrund von Monsanto – zwar vernachlässigt wurde, aber zumindest Hoffnung weckt, wenn entsprechend investiert würde.

Und das Consumer-Care-Geschäft ist der letzte Bereich. Das sind rund zehn Prozent des Geschäfts. Das reicht qualitativ nicht ganz an die anderen Bereiche heran, aber insgesamt sind die Bereiche doch attraktiv.

Tim: Wäre denn auch ein Spin-off wirklich gut für die Aktionäre?

Jörg Schirmacher: Zumindest auf dem Blatt Papier. Meine Kollegen bei PLATOW Börse haben das auch diese Woche einmal durchgerechnet.

Wenn man sich die drei Bereiche Crop Science, Pharma und Consumer Care anschaut und das EBITDA beziehungsweise die zuletzt erzielten Ergebnisse der drei Bereiche nimmt und diese mit branchenüblichen Bewertungsbandbreiten multipliziert, kommt man auf einen Marktwert von ungefähr 120 Milliarden Euro.

Wenn man jetzt auch die Sparte Consumer Care hinzufügt und dann noch die Schulden, die Prozessrisiken – die nach wie vor da sind, unter anderem wegen Glyphosat – und die Kosten für separate Konzernfunktionen abzieht, kommt man auf eine Market Cap von rund 90 Milliarden Euro.

Wenn man sich heute die Market Cap anschaut, sind wir aber bei knapp 50 Milliarden. Von 50 auf 90 Milliarden wäre natürlich eine schöne Rendite.

Bevor jetzt aber Euphorie aufkommt: Wir sind bei der Aktie neutral. Solche Transaktionen sind sehr risikobehaftet. Man darf auch nie vergessen, dass bei solchen Deals zunächst einmal die Investmentbanken gut aus der Nummer herauskommen.

Tim: Und die Baustellen werden durch so einen Spin-off auch nicht komplett verschwinden.

Jörg Schirmacher: Genau. Das würde sich nicht komplett in Luft auflösen. Gerade bei einem Teil-Spin-off an bestehende Aktionäre würde das Monsanto- beziehungsweise Glyphosat-Risiko nicht komplett verschwinden.

Unser Stand ist deswegen, dass wir zunächst eine nachvollziehbare, überzeugende Strategie vom neuen Management erwarten.

Da wird es einen Kapitalmarkttag geben. Das Datum steht noch nicht fest. Ich rechne damit, dass das aber noch in den nächsten Monaten passieren wird. Dann sehen wir weiter.

Der Investmentansatz von PLATOW

Tim: Machen wir mal weiter zum Thema Investmentansatz. Kann man allgemein sagen, welche Aktien ihr bei PLATOW mögt und worauf ihr bei der Analyse Wert legt? Gibt es vielleicht einen speziellen Investmentansatz, den ihr verfolgt?

Jörg Schirmacher: Gerne. Wir sind schon eine Weile am Markt und deswegen haben wir eigentlich schon seit vielen Jahren einen wohlerprobten Investmentansatz, den wir über die Jahre immer weiter verfeinern konnten.

Was wir mögen, sind Unternehmen mit überzeugenden Geschäftsmodellen, mit soliden Bilanzen, also keinem hohen Leverage, und attraktiven Chancen.

Das entscheidende Kriterium langfristig bei einer Aktie ist am Ende des Tages, ob Kapitalkosten verdient werden und ob diese Unternehmen mehr als ihre Kapitalkosten verdienen.

Kapitalkosten sind letztlich die Rendite, die Investoren für die Bereitstellung von Fremd- und Eigenkapital verlangen.

Wenn diese verdient werden und der Return noch darüber liegt, dann ist das am Ende des Tages Wertschöpfung für die Aktionäre.

Wenn das Unternehmen dann noch attraktiv gepreist ist – und das ist nicht einfach, solche Unternehmen zu finden –, dann mögen wir das.

Tim: Aber wie findet man solche Unternehmen? Schaut ihr euch Bilanzen an, sprecht ihr mit Vorständen? Wie findet man die?

Jörg Schirmacher: Wir machen beides.

Wir analysieren Bilanzen und sprechen mit Vorständen. Dadurch, dass wir schon immer einen starken Fokus auf Deutschland hatten, konnten wir über die Jahre viele Unternehmen kennenlernen, die wir auch konstant beobachten und bei denen wir mit den Managementteams im stetigen Austausch sind.

Da tun sich immer wieder Chancen auf, attraktive Unternehmen zu günstigen Zeitpunkten zu finden.

Die andere Seite ist, dass wir einen sehr kennzahlenbasierten Screening-Prozess haben. Es gibt in Deutschland ungefähr 800 börsennotierte Unternehmen. Die screenen wir regelmäßig anhand verschiedener fundamentaler Kennzahlen.

Das sind die typischen Sachen: Bilanzqualität, Wachstum und weitere fundamentale Faktoren.

Damit können wir Spreu von Weizen trennen und uns auf die wirklich interessanten Unternehmen konzentrieren.

Wir bekommen auch regelmäßig Anfragen von Personen, die uns völlig unbekannte Unternehmen, gerade aus dem Small- oder Micro-Cap-Bereich, vorstellen. Die schauen wir uns natürlich auch sehr gerne an.

Das PLATOW-Musterdepot

Tim: Jetzt ist natürlich die große Frage: Die Analyse ist das eine. Ich weiß ja, dass ihr schon länger ein Musterdepot führt. Ist der Ansatz von euch erfolgreich? Kannst du vielleicht ein bisschen was zu Zahlen, Daten, Fakten und Performance nennen?

Jörg Schirmacher: Sehr gerne.

Vielleicht kurz vorab, bevor ich die Frage nach den Zahlen beantworte: Ich glaube, dass viele Wege nach oben führen und es nicht nur den einen richtigen Weg gibt.

Wir haben einen gefunden, mit dem man langfristig und mit einem Fokus auf qualitativ hochwertigen Unternehmen erfolgreich sein kann.

Wichtig ist einfach, dass man die Unternehmen gut kennt und die Qualität richtig einschätzt. Und am Ende des Tages ist gerade im letzten Jahr sehr wichtig gewesen, dass man nicht zu viel dafür bezahlt. Das haben wir bisher ganz gut hinbekommen.

Du hattest das Musterdepot angesprochen. Ich habe es gerade eben noch mal geschaut: Seit Auflage 1996 sind wir mit über 3.000 Prozent Rendite dabei.

Ich müsste es jetzt gerade ausrechnen, aber es ist eine zweistellige Rendite. Das ist viel Arbeit. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir, wenn wir unseren Ansatz weiterhin stringent einhalten, das auch weiter schaffen können.

Die PLATOW Börse Weekend Edition

Tim: Dann weisen wir noch ganz kurz auf euer neues Produkt hin. Jörg, vielleicht willst du da ganz kurz etwas sagen. Was habt ihr da geschaffen und für wen ist das?

Jörg Schirmacher: Sehr gerne. Super, dass ich hier auch ein bisschen die Werbetrommel rühren darf.

Wir werden jetzt Ende des Monats mit einem neuen Produkt an den Start gehen: die PLATOW Börse Weekend Edition.

Dort erhält man einmal die Woche, jeweils am Sonntag, ausgewählte Analysen und Kommentare aus unserem Börsenteam.

Die Anmeldung ist kostenlos und über den Link in den Shownotes möglich.

Tim: Genau, den Link findet ihr dazu unten.

Deutsche Telekom: Der Amazon-Effekt

Tim: Kommen wir jetzt noch mal zu einem Wert, der auch sehr stark gekauft wurde und sich bei uns sogar auf Platz zwei befindet: die Deutsche Telekom.

Die ist ja allgemein bekannt als die Volksaktie und heutzutage eher als langweilige und defensive Aktie zu sehen. Im Juni sah das aber ganz anders aus. Die Aktie verlor binnen eines Tages circa neun Prozent.

Was war da passiert?

Jörg Schirmacher: Die Deutsche Telekom – du hast es gesagt – die Volksaktie. Da waren wir beide noch zu jung dafür, aber meine Eltern können sich sehr gut daran erinnern.

Da ist natürlich viel kaputtgegangen. Die Aktie ist eigentlich fast 20 Jahre lang seitwärts gelaufen. Das hat sich jetzt in den letzten Jahren geändert.

Aber um konkret auf deine Frage zu antworten, was den Juni anbelangt: Warum waren es neun Prozent? Das ist wirklich schon für so einen defensiven, eigentlich sehr stabilen Dividendenwert massiv.

Da gab es Anfang Juni eine Nachricht von Bloomberg – unbestätigt, aber immerhin Bloomberg –, wonach Amazon in den US-Mobilfunkmarkt einsteigen möchte.

Der US-Markt ist der Wachstumsmarkt der Telekom. Der günstige Anbieter T-Mobile US ist dort in den letzten 24 Monaten sehr deutlich gewachsen. Es ist der Wachstumsmarkt schlechthin für die Telekom und war auch ein Treiber für die sehr gute Kursentwicklung der letzten zwölf Monate.

Es gab also Gerüchte, dass Amazon dort im Austausch mit Netzbetreibern sei und dort wohl ein kostengünstiges, möglicherweise sogar kostenloses Angebot für Premiumkunden in seinem Heimatmarkt anbieten möchte.

Bei so einer Nachricht tritt natürlich der sogenannte Amazon-Effekt ein. Alle haben Angst vor einer Erosion der Margen durch den Markteintritt eines großen Unternehmens. Das war einer der Gründe, warum die Aktie neun Prozent an einem Tag verloren hat.

Michael: Das war schon massiv. Ich muss jetzt noch mal kurz hier reinspringen. Ihr habt das vielleicht nicht miterlebt, aber ich habe das damals live erlebt.

Die Telekom hat damals auch massiv Werbung gemacht. Ganz stimmt es, glaube ich, nicht, dass die Aktie 20 Jahre lang seitwärts gelaufen ist.

Wenn man die Aktie damals beim IPO bekommen hat und zum richtigen Zeitpunkt ausgestiegen wäre – das ist ja immer die große Frage: Wie lange hält man eine Aktie? –, dann hätte man sehr wohl Gewinne gemacht.

Wenn man das aber ausgesessen und gewartet hat, dann gebe ich dir total recht.

Jörg Schirmacher: Ja, und die Aktie hat 20 Jahre lang wirklich sehr schlecht performt. Das stimmt.

Tim: Du hattest vorhin auch gerade den Amazon-Effekt angesprochen. Hältst du denn die Sorgen oder die Angst vor Amazon überhaupt für berechtigt?

Jörg Schirmacher: Ich glaube, wer Amazon nicht ernst nimmt, der macht einen Fehler. Amazon sollte man auf jeden Fall ernst nehmen.

Ich vertrete die Sicht – beziehungsweise meine Kollegen vertreten die Sicht –, dass das erstens unbestätigt ist.

Zweitens haben viele Billiganbieter in den USA T-Mobile US bisher nicht gefährden können. Es ist also nicht der erste Anbieter, der es versucht.

Und ich glaube, man darf auch nicht vergessen: Die Telekom verfügt über ein eigenes Netz. Konkurrenzanbieter müssen mit Netzbetreibern verhandeln. Das ist ja auch das, was Amazon angeblich tun soll.

Und ein anderer Punkt ist für mich ganz wichtig: Geld ist nicht mehr zinslos.

Was heißt das? Es wird auch wieder stärker auf die Profitabilität von Geschäftsmodellen geachtet.

Bei der Strategie, die Amazon angeblich verfolgt, wäre zunächst der Fall, dass man über sehr niedrige Preise oder sogar ein kostenloses Angebot Marktanteile gewinnt.

T-Mobile US ist aktuell einer der am stärksten wachsenden Mobilfunkanbieter in den USA – stärker als Verizon und stärker als AT&T. Das wäre die Strategie.

Das kann man sich im aktuellen Umfeld aber nicht mehr ohne Weiteres leisten.

Auch Amazon muss schauen, wo es Kapital einsetzt. Von daher beobachten wir das auf jeden Fall, aber wir lassen uns davon auch nicht verrückt machen.

Ist die Deutsche Telekom für PLATOW attraktiv?

Tim: Du hast jetzt wirklich schon einige Chancen, aber auch Risiken erläutert, die es bei der Deutschen Telekom zu beachten gibt. Mögt ihr selbst bei PLATOW die Aktie eigentlich?

Jörg Schirmacher: Wir mögen die Aktie. Das war nicht 20 Jahre lang der Fall. Seit ungefähr zwölf Monaten sind wir wieder stärker dabei.

Wir haben sie vorher auch schon analysiert, aber aktiv in unserem Musterdepot haben wir sie im April letzten Jahres aufgenommen.

Was mögen wir an der Deutschen Telekom?

Sie ist Marktführer in Deutschland und das größte Telekommunikationsunternehmen in Europa. In den USA ist T-Mobile US einer der wachstumsstärksten Anbieter.

Beim Netzausbau ist 5G weit fortgeschritten. Über 95 Prozent der Kunden haben mittlerweile in Deutschland, aber auch in den USA Zugang zu 5G.

Wenn man sich das Geschäftsmodell der Telekom anschaut, ist es natürlich weiterhin defensiv und vielleicht etwas langweilig. Das hat sich mit T-Mobile aber sicherlich geändert.

Natürlich ist es trotzdem korrekt, dass die Cashflows sehr gut wiederkehrend sind. Das ist ein eher geringzyklisches Geschäft.

Die Margen konnten unter dem neuen CEO in den letzten Jahren verbessert werden. Sie lagen 2018 noch bei ungefähr 13 Prozent und mittlerweile bei über 15 Prozent.

Die Gewinne haben sich also in die richtige Richtung entwickelt.

Wenn man sich dann noch die Bewertung und die Rendite anschaut, die in Form einer Dividende ausgezahlt wird, sind es rund vier Prozent. Das macht es insgesamt zu einem attraktiven Paket im aktuellen Umfeld.

Deutsche Autowerte: BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen

Tim: So, dann haben wir die Käufe eigentlich schon soweit durch. Spannend. Kommen wir mal zu den Verkäufen.

Da fällt auf, dass gleich drei Autowerte unter den meistverkauften Aktien sind. Die wurden bei uns wirklich abverkauft: Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW.

Jörg, ist das für dich überraschend?

Jörg Schirmacher: Für mich jetzt etwas überraschend.

Wenn ich ergründen möchte, warum der eine oder andere vielleicht verkauft hat, würde ich da auf jeden Fall auf die Kursentwicklung schauen. Die war gerade bei BMW und Mercedes-Benz sehr gut.

Bei Volkswagen war es weniger der Fall. Wenn ich mir aber die Performance anschaue, wundert es mich nicht, dass da auch mal Gewinne mitgenommen werden.

Ich bin allerdings der Meinung, man sollte zumindest Mercedes-Benz und BMW halten, wenn ich mir anschaue, wie die in den letzten zwölf Monaten geliefert haben.

Trotz China-Krise, trotz Lieferkettenproblemen und trotz struktureller Herausforderungen im Kerngeschäft haben die sehr erfolgreich gewirtschaftet.

Sie haben deutlich zweistellige Wachstumsraten bei den Gewinnen erzielt und sehr viel Cash generiert.

Das wird jetzt zwar – und das ist der zweite Grund, warum ich mir vorstellen könnte, warum man diese Aktien verkauft hat – im Jahr 2023 nicht ganz so stark weitergehen.

Und BMW und Mercedes-Benz sind am Ende des Tages auch zyklische Unternehmen. Es kann eine Rezession kommen. Und keiner von uns weiß, ob und in welcher Ausprägung sie kommt.

Wenn sie kommt, trifft das natürlich auch solche Unternehmen.

Deswegen glaube ich, man sollte sie halten. Sie haben eine gewisse Sicherheitsmarge, die solche Szenarien einpreist.

Bewertung und Dividenden von BMW und Mercedes-Benz

Jörg Schirmacher: Die Kriterien, auf die wir schauen, sind vor allem die Bewertungen.

Trotz des sehr deutlichen Gewinnanstiegs in den letzten zwölf Monaten sind die Aktien auf Gewinnbasis und auf Cashflow-Basis nicht teuer geworden.

Die Kurse sind angestiegen. Ich glaube, bei BMW und Mercedes-Benz waren es in den letzten zwölf Monaten über 40 Prozent. Aber die Gewinne und Cashflows sind mitgegangen.

Das heißt, es gab keine Multiple Expansion.

Und du bekommst Dividendenrenditen von ungefähr fünf Prozent bei BMW und sogar acht Prozent bei Mercedes-Benz.

Das heißt: Selbst wenn die Aktie einmal eine Zeit lang seitwärts laufen sollte, bekommst du bei Mercedes-Benz immer noch eine hohe Dividendenrendite.

Das ist im aktuellen Umfeld, wenn die Zinsen runtergehen, durchaus attraktiv.

Die Dividende ist auch durch die Cashflows gedeckt, kann also aus dem operativen Geschäft finanziert werden.

Und das meine ich mit der Sicherheitsmarge, weswegen wir die Aktien attraktiv finden.

Die Rolle Chinas für die deutschen Autobauer

Tim: Ich hätte gedacht, dass China, das du ja genannt hast, insofern eine Rolle spielt, weil es in China inzwischen einfach einen brutalen Wettbewerb im Bereich der Elektroautos gibt.

Wenn man sich beispielsweise anschaut: Ein ID.3 kostet in Deutschland ungefähr 40.000 Euro. In China habe ich gehört, kostet er aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks teilweise nur rund 14.000 Euro, weil die Hersteller so viele Rabatte geben müssen.

Der Staat finanziert natürlich auch mit, sodass einer der Hauptabsatzmärkte der deutschen Hersteller durch die eigene Produktion chinesischer Hersteller sicherlich unter Druck gerät.

Jörg Schirmacher: Absolut. An China hängen die großen Hersteller massiv.

Ich glaube, bei Mercedes-Benz sind ungefähr 30 Prozent des Absatzes mit China verbunden.

Was das Thema Elektroautos angeht, spielt das bei Mercedes-Benz momentan noch eine untergeordnete Rolle. Beim Absatz sind es ungefähr sechs Prozent.

Volkswagen hat sich beim Thema Elektromobilität sehr viel auf die Fahne geschrieben und bisher enttäuscht. Das ist vermutlich auch ein Grund, warum die Aktie bisher ziemlich seitwärts gelaufen ist.

Was die Preise angeht, sehen wir bei Mercedes-Benz und BMW momentan noch keine großen Kürzungen.

Das wird natürlich interessant sein zu verfolgen.

In den letzten zwölf Monaten hat man sich sehr auf das High-End-Geschäft konzentriert, was den Margen sehr zugutekam.

China sollte man auf jeden Fall und auch die Konkurrenz definitiv im Blick behalten.

Ich denke, der Premium-Aspekt sorgt gewissermaßen für ein Alleinstellungsmerkmal bei den großen deutschen Herstellern. Aber man darf China und die Konkurrenz tatsächlich nicht aus den Augen verlieren.

PLATOW Börse: Aktien aus der zweiten Reihe

Tim: Kommen wir nun zum zweiten Part der Marktnews.

Wir haben jetzt zunächst auf die meistgehandelten Werte unserer Kunden im Juni geschaut. Jetzt wollen wir den Blick noch mal ein bisschen auf PLATOW Börse richten.

Welche Unternehmen aus der zweiten Reihe schaut ihr euch an? Es gibt ja wirklich viele Unternehmen, die bekannt sind. Was sind Unternehmen, die man vielleicht gar nicht so sehr auf dem Schirm hat?

Jörg Schirmacher: Wir haben unseren Schwerpunkt in Deutschland. Da gibt es viele Unternehmen, die nicht im DAX, sondern vielleicht im MDAX oder SDAX oder sogar darunter, also in gar keinem Index, notiert sind.

Ich spreche auch gerne mal über internationale Werte, aber heute würde ich ganz gerne bei deutschen Unternehmen bleiben, weil das eben auch unser USP ist.

Wir finden momentan zwei Unternehmen aus der zweiten Reihe sehr spannend.

Zum einen ist das Elmos Semiconductor, momentan im SDAX notiert, und zum anderen Gerresheimer, die im MDAX sind.

Elmos Semiconductor

Tim: Fangen wir direkt mit Elmos Semiconductor an. Kannst du uns in einem kurzen Elevator Pitch erklären, was sie genau machen?

Jörg Schirmacher: Gerne.

Elmos Semiconductor entwickelt Halbleiter, die vornehmlich in Autos eingesetzt werden und dort für Themen wie Sicherheit, Komfort und Energieeffizienz sorgen.

Spannend an dem Unternehmen ist, dass sie in manchen Applikationen Weltmarktführer sind, zum Beispiel bei der Ultraschall-Distanzmessung, Ambientebeleuchtung und intuitiver Bedienung.

Das sind alles Themen rund um das Auto, die momentan sehr viel strukturellen Rückenwind erfahren – Stichwort Digitalisierung und Automatisierung.

Das hat Elmos in den vergangenen Jahren sehr schöne und attraktive Gewinne beschert.

Auch in diesem Jahr sind die Auftragsbücher gefüllt und wir erwarten, dass die Jahresziele mindestens erreicht, wenn nicht sogar übertroffen werden.

Vielleicht auch ein wichtiger Aspekt bei Elmos: Das Unternehmen hat in den letzten Wochen Fakten geschaffen.

Elmos hatte bisher in Dortmund eine eigene Chipproduktion. Diese wollte man einmal nach China verkaufen, was dann an kartellrechtlichen beziehungsweise regulatorischen Themen gescheitert ist.

Vor zwei Wochen gab es die Nachricht, dass man einen Käufer aus den USA gefunden hat. Das ist auch geopolitisch weniger problematisch.

Das heißt, zukünftig konzentriert man sich ausschließlich auf Entwicklung und Tests und weniger auf die kapitalintensive Chipproduktion.

Das ist eine Fokussierung des Geschäftsmodells und hat auch der Aktie bisher gutgetan.

Halbleiterindustrie und Produktionsanlagen

Tim: Stichwort Produktion oder auch Aufbau von neuen Produktionsanlagen: Die Industrie soll ja eigentlich sehr zyklisch sein.

Wie siehst du das? Es werden gerade viele neue Produktionsanlagen gebaut. Ich glaube, in Magdeburg wird auch gerade von Intel eine gebaut, wenn ich das richtig sehe.

Jörg Schirmacher: Das ist korrekt.

Elmos Semiconductor ist in der Halbleiterindustrie tätig. Das ist eine zyklische Industrie, die man definitiv berücksichtigen muss.

In diesem Jahr wird der Markt auch zurückgehen. TSMC, der größte Chip-Hersteller der Welt, wird seine Investitionen zurückschrauben.

Zwei Punkte sprechen aber dafür, dass das Elmos nicht so stark trifft.

Zum einen deckt Elmos vor allen Dingen den Teilbereich Automotive ab. Das ist deren Kernmarkt.

Wenn der gesamte Halbleitermarkt in diesem Jahr schrumpfen sollte, soll der Bereich Automotive weiterhin zweistellig wachsen.

Das spiegelt sich auch in den Erwartungen des Managements wider. Die erwarten im Vergleich zu anderen Unternehmen, bei denen es gerade zum Abschwung kommt, eine Beschleunigung im zweiten Halbjahr.

Der andere Punkt ist: Der Markt nimmt solche Entwicklungen ungefähr sechs Monate im Voraus vorweg.

Das heißt, die Halbleiteraktien haben bereits korrigiert und der Markt blickt eigentlich schon sechs Monate in die Zukunft.

Das wäre jetzt schon 2024. Für 2024 wird bereits wieder eine Erholung erwartet.

Von daher sieht es auf jeden Fall dort gut aus.

Solange es strukturell langfristig nach oben geht, kann man solche Situationen aussitzen.

Was Elmos Semiconductor zugutekommt, ist nicht nur, dass sie absolut profitabel sind. Sie haben eine EBIT-Marge von über 20 Prozent.

Die Kapitalrenditen, die ich eingangs erwähnt habe, sind ebenfalls zweistellig.

Im Gegensatz zu vielen Halbleiterunternehmen gerade aus den USA, die auf einem Vielfachen ihrer Gewinne handeln, ist es bei Elmos ein KGV von ungefähr 14.

Das heißt, die Bewertung ist – wenn man bedenkt, dass sie zweistellig wachsen – attraktiv.

Gerresheimer

Tim: Dann ist noch ein zweiter Elevator Pitch offen: Gerresheimer hast du eben noch genannt. Das ist eine ganz andere Branche als Halbleiter. Vielleicht kannst du das auch ganz kurz noch mal erläutern.

Jörg Schirmacher: Genau. Das ist nicht Halbleiter, sondern Healthcare – also etwas ganz anderes.

Gerresheimer ist ein Hersteller von Spezialverpackungen aus Glas und Kunststoff und bedient die Endmärkte Pharma und Healthcare.

Tim: Wofür werden diese Verpackungen genutzt?

Jörg Schirmacher: Das sind zum Beispiel Insulinpens, Inhalatoren und Injektionssysteme.

Diese Produkte werden teilweise wiederverwendet, teilweise sind es Einmalprodukte. Sie werden für die Verabreichung von Medikamenten beispielsweise gegen Diabetes, Parkinson oder Fettleibigkeit genutzt.

Das ist natürlich – leider muss man sagen – ein absoluter struktureller Wachstumsmarkt.

Gerresheimer ist schon seit vielen Jahren Zulieferer der großen Unternehmen wie Novo Nordisk aus Dänemark und Eli Lilly aus den USA.

Das ist nicht erst seit gestern so. Aber es hat hier kürzlich einen Durchbruch gegeben, und zwar bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes.

Dabei geht es um die GLP-1-basierte Behandlung. Sie führt dazu, dass der Blutzuckerspiegel von Diabetespatienten besser reguliert wird und das Hungergefühl reduziert werden kann.

Es gibt noch viele weitere Anbieter, aber die großen Player sind bereits Partner von Gerresheimer.

Diese haben in diesem Jahr langfristige Lieferverträge mit Gerresheimer abgeschlossen.

Gerresheimer hat dadurch jetzt eine Visibilität auf Jahre. Die Verträge laufen teilweise über zehn Jahre.

Um die Produktion auszubauen, muss natürlich investiert werden. Allein 2023 und 2024 sollen rund 150 Millionen Euro in die Produktion investiert werden.

Das entspricht ungefähr zwölf Prozent des Umsatzes. In der Vergangenheit waren es eher acht bis zehn Prozent.

Das ist also eine Wachstumsbeschleunigung und weckt natürlich auch Kursfantasie.

Lohnt sich die Investition bei Gerresheimer?

Tim: Du würdest aber sagen, dass sich diese Investitionen – ich meine, 150 Millionen Euro sind ja schon eine Menge – auch für die Aktionäre rechnen? Bist du da eher bullisch oder wie siehst du das?

Jörg Schirmacher: Wachstum allein reicht nicht. Investitionen allein reichen auch nicht. Die müssen sich am Ende rentieren.

Wir sind doch optimistisch.

Zum einen hat Gerresheimer einen sehr guten Track Record. Die sind nicht erst seit gestern erfolgreich, sondern schon seit vielen Jahren mit zweistelligen Margen unterwegs.

Wenn man sich jetzt diese Injektionsgeräte für die GLP-1-Behandlung anschaut, gelten die als sehr stark und schwer austauschbar.

Wenn man das jetzt noch mit den langfristigen Lieferverträgen kombiniert, die Visibilität liefern, ist das sehr attraktiv.

Klar, in der Execution kann es immer Fehler geben. Bei Investitionen für den Aufbau der Kapazitäten kann es natürlich zu Fehlern kommen. Das kann man nicht ausschließen.

Aber diese Kombination macht es sehr attraktiv und wir sind optimistisch, dass sich das rechnet.

Bewertung von Gerresheimer

Tim: Jetzt sind ja die Aktien von Novo Nordisk und Eli Lilly recht teuer. Wie sieht es denn bei der Bewertung von Gerresheimer aus? Du hast ja heute auch KGV und Ähnliches genannt. Was muss man da bezahlen?

Jörg Schirmacher: Eli Lilly ist deutlich teurer als Gerresheimer.

Bei Gerresheimer sehen wir momentan auch noch begrenztes Aufwärtspotenzial.

Wenn man sich die Bewertung von Gerresheimer anschaut, hat die Aktie natürlich auch seit Jahresbeginn sehr deutlich zugelegt.

Die Bewertung ist ebenfalls gestiegen.

Momentan liegt sie bei einem Gewinnmultiple von ungefähr 25. Das ist sicherlich nicht ohne. Die Aktie ist in der letzten Woche auch stark gestiegen.

Aber wenn man davon ausgeht, dass diese Investitionen das Wachstum beschleunigen werden, dann kann das dazu führen, dass ein Multiple, das vielleicht in den letzten zehn Jahren für die Aktie bezahlt wurde, entsprechend höher ausfällt.

Wenn man sich das historische Bewertungsband anschaut, handelt die Aktie momentan eher am oberen Ende.

Wenn man davon ausgeht, dass dieses Wachstum kommt, kann die Aktie auch mit einem höheren Multiple bewertet werden, weil das Wachstum gestiegen ist.

Wir sind optimistisch. Es wird aber spannend sein, ob Gerresheimer das auch liefern kann.

Das werden wir beobachten.

Verabschiedung

Tim: Ja, ich glaube, wir haben ein wirklich schönes Format gefunden, in dem wir unsere Top-Käufe und Top-Verkäufe noch mal erläutert bekommen.

So bekommt man ein bisschen Hintergrund, aber auch natürlich spannende Einblicke, welche Unternehmen ihr euch aus der zweiten Reihe anschaut.

Ich denke mal, Tim, da spreche ich auch in deinem Namen: Das werden wir sicherlich wiederholen.

Vielen Dank, Jörg, für die spannenden Insights von PLATOW.

Michael: Ja, vielen Dank auch von meiner Seite. Hat wirklich Spaß gemacht. Ich freue mich, wenn wir uns wiedersehen und hören.

Jörg Schirmacher: Wenn ich noch mal darf, würde ich noch mal den Hinweis machen: Wenn euch das gefallen hat und ihr mehr über unsere Analysen und Marktkommentare lesen möchtet – wir gehen Ende des Monats mit einem neuen Newsletter an den Start.

Das ist die kostenlose PLATOW Börse Weekend Edition. Dort kuratieren wir einige unserer Analysen aus der Woche.

Ihr könnt euch dort über einen Link kostenlos anmelden. Den findet ihr in den Shownotes dieses Podcasts.

Tim: Super, vielen Dank. Dann bis zum nächsten Mal.

Jörg Schirmacher: Danke, tschüss.

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